Alle Artikel veröffentlicht in ‘Alltagsgeschichten

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Erziehungswissenschaften für Fortgeschrittene

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Der Klassiker: Kleiner Junge beim Friseur und keinerlei Ambitionen, sich die Haare schneiden zu lassen. Schon während die große Schwester an der Reihe ist, deutet sich das nachfolgende Drama an.

Als seine Zeit gekommen ist, wechseln sich Phasen des lauthalsen Geschreis mit Fluchtversuchen aus dem Laden und kurzen Momenten, in denen sich eine Kooperation anzudeuten scheint, die dann aber doch jeweils aus verschiedenen Gründen nicht zustande kommt. Von Vorteil (für den Jungen) auch, dass der Friseursalon eine Runde bietet, so dass die ihn verfolgende Mutter jeweils nur auf einige Meter an ihn rankommt, bevor beide die Richtung wechseln. Versprechungen von ihrer Seite („Du bekommst zu Hause ein neues Spielzeug!“), nützen genauso wenig wie Drohungen („Ich gehe jetzt mit deiner Schwester ein Eis essen und du bleibst hier!“).

Von dieser letztgenannten Perspektive wenig begeistert schaltet sich nun auch die haarschneidende Belegschaft ins Geschehen ein und greift ganz tief in die psychologische Trickkiste: „Wenn du dir nicht die Haare schneiden lässt, dann siehst du bald aus wie ein Mädchen!“ Auch dieses Horror-Szenario zeigt aber keine Wirkung.

Nach einer gefühlten Ewigkeit dann der Durchbruch. Zum letzten Mittel greifend stößt die schweißgebadete Mutter mit einem Ton der Verzweiflung aus: „Wenn du jetzt mitmachst, dann fahren wir zusammen gleich in die Waschstraße.“ Mit einem Blick, der sagt: „Warum nicht gleich so?“, sitzt der Knabe augenblicklich auf seinem Stuhl.

(Bild: Andreas, Flickr Creative Commons, Ausschnitt)

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Kein Eimer ohne Deckel bei IKEA

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An der IKEA-Kasse:

Kassiererin: „Sie haben den Deckel von dem Mülleimer vergessen!“
Ich: „Nein, ich habe ihn nicht vergessen, sondern ich brauche den Deckel nicht.“
Kassiererin: „Sie müssen aber einen Deckel mitnehmen.“
Ich: „Ich brauche allerdings gar keinen.“
Kassiererin: „Sie müssen trotzdem einen nehmen. Sonst liegt einer zu viel im Regal.“
Ich: „Ich muss jetzt also zurück durch den ganzen Laden, mir einen Deckel holen, ihn mit nach Hause nehmen und ihn da in den neuen Mülleimer (ohne Deckel) schmeißen?“
Kassiererin: „Ja, genau.“
Ich: „Kann ich ihn auch gleich hier in Ihren Mülleimer werfen?“
Kassiererin: „Selbstverständlich. Der ist gleich hier um die Ecke.“
Ich: „Das ist ja ein tolles Angebot.“
Kassiererin (mit einem Anflug zum Selbstironie): „Sie können ihn auch gleich mir geben, wenn Sie ihn geholt haben, und ich bringe ihn um die Ecke.“
Ich: „Das ist ja fantastisch.“

Als ich ihr dann fünf Minuten später den Deckel vorbeigebracht habe, hat sie sich mit einem derart breiten Grinsen bedankt und gefreut, als hätte ihr mindestens einen HotDog spendiert. Inklusive Softdrink.

(Bild: Gerard Stolk, Flickr Creative Commons, Ausschnitt)

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122 gute Dinge

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[1] Ein neues Detail in einer altbekannten biblischen Geschichte entdecken.
[2] Ein liebevolles Kompliment von der eigenen Mutter bekommen.
[3] Die erwartungsvolle Stille am Morgen.
[4] Es auch mal bei drei guten Dingen belassen können, wenn einem nix viertes einfällt.
[5] Ein Doppelkopf-Abend mit Freunden. Und gewinnen.
[6] Frühnebel.
[7| Musik von Gisbert zu Knyphausen am Samstagmorgen.
[8] Vorfreude auf die Bundesliga-Live-Konferenz.
[9] HDTV, hbbtv und LED anstelle von Röhrenfernsehen.
[10] Zu Silvester einen Neffen bekommen, ihn kurz nach Mitternacht erstmalig sehen und am Neujahrsmorgen in den Armen halten.
[11] Mit allen im Auto aus vollem Hals die Musik mitsingen.
[12] Die Einschulung der eigenen Tochter.

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Ostern an Karfreitag

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Gestern haben wir erstmalig einen für mich ganz wunderbaren Frühgottesdienst „Vom Dunkel ins Licht“ gefeiert. Mit dem Aushalten der Dunkelheit, mit der Weitergabe des Lichts, in der Taufe eines Jugendlichen und im Abendmahl durften wir spüren, was Neuanfang bedeutet. Was wäre das Leben, wenn wir nicht neu beginnen könnten, wenn etwas zu Ende geht. Das ist auch für mich gerade wichtig.

Mein persönliches Ostern ereignete sich allerdings eigentlich schon am Karfreitag-Nachmittag. Schon seit einigen Tagen hatten wir ein Zimmer gesucht. Für einen Flüchtling aus Syrien, dessen große Familie schon einige Monate in Nordhorn lebt und der verständlicherweise auch hier bei ihnen sein wollte und nicht in einer anderen deutschen Stadt. Unsere Stadt wiederum hatte zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass es an irgendeinem Punkt Einschränkungen dafür gibt, wie viele Menschen in einer Wohnung mit einer bestimmten Fläche angemeldet sein dürfen. Und so brauchten wir vor allem eine neue Meldeadresse für ihn.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 06.35.03Nach einigem Suchen hatten wir dann am Karfreitag plötzlich zwei Optionen für Samih: Eine für drei Monate leer stehende Wohnung mitten in der Stadt, die der eigentliche Bewohner (obwohl unterwegs und nicht darauf vorbereitet) einem völlig Fremden voll Vertrauen überlassen hätte. Und ein kleines Zimmer in der Nähe unserer Kirche bei einer Familie, deren Tochter gerade ausgezogen und nur noch zeitweise zu Hause ist.

Und so kam es zu einem spontanen Treffen im Wohnzimmer von Andrea und Michael, zwei Engagierten unserer Gemeinde, und ihren Kindern, die unseren syrischen Neubürgern in Sachen Gastfreundschaft mal überhaupt nicht nachstehen. Und das muss ich euch kurz beschreiben, weil es so typisch und wunderbar ist: Im Wohnzimmer saßen Anke, eine unserer treuesten Mitarbeiterinnen beim Flüchtlingscafe „Open Door“. Dann Anas, der mit seinem Dankesbrief an das deutsche Volk im Dezember die Aufmerksamkeit aller nationalen Medien erhielt und der inzwischen bei Michael und Andrea mit im Haus wohnt. Außerdem Samiu, Marjola, Emi und Rajani aus Albanien – eine Familie, die vermutlich auch irgendwann bald abgeschoben wird, die aber in der Zwischenzeit nicht müde wird, anderen mit ihrer Fröhlichkeit und Herzlichkeit zu helfen. Samiu hatte an Weihnachten den meisten Text als einer der Weisen in unserem Krippenspiel, obwohl er nach ein paar Wochen in Deutschland quasi kein Deutsch sprach. Er hat dann einfach die Laute gelernt und dabei versucht zu verstehen, was er eigentlich sagt. Jetzt im März übersetzt er für uns zwischen Deutsch und Arabisch, was er als Albaner neben Englisch zufällig auch noch perfekt spricht. Und dann eben Samih aus Syrien mit seiner Cousine Reem und seinem Cousin Basel, drei Personen dieser herzlichen, dankbaren christlichen Familie aus Syrien. Andrea hatte wunderbar Pizza gebacken für alle. Die Kinder, die sich inzwischen gut kennen, spielten zusammen und ich versuchte, Samih mit der Hilfe von Samiu die beiden Optionen „Wohnung und Zimmer“ zu erklären. Samih fragte zurück und für ihn ging es nur um die Familie. Etwas verwundert erklärte ich noch einmal, dass es eine komplette Wohnung für ihn als 19-jährigen direkt im Stadtzentrum gäbe – ob er das verstanden habe? Samih sagte, er würde gerne die Familie kennenlernen. Michael neben mir grinste und sagte zu mir: „Mich wundert das nicht.“ Der Wunsch nach Integration und Kontakt und das Bestreben, möglichst schnell deutsch zu lernen, ist auch seiner Erfahrung nach in der Regel viel stärker als die Frage nach Platz, Luxus etc.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 06.38.06Weil wir gerade zusammen waren, rief ich die Familie an. Selbstverständlich gelte das Angebot noch, ich könnte sofort mit Samih vorbeikommen. Das taten wir und waren 5 Minuten später da. Ein herzliches Willkommen durch vier strahlende Gesichter und einen Hund. Besichtigung des kleinen Zimmers. Erste Kommunikationsversuche mit Händen und Füßen. Das Angebot, nicht nur das Zimmer nutzen zu dürfen, sondern Teil der Familie zu werden – inklusive Essen, Wäsche etc. Ein glücklicher Samih.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 06.33.50Es gibt größere Häuser in Nordhorn. Es gibt Familien, die in den letzten Jahren deutlich weniger an Krankheit und Leid und Schwierigkeit selbst durchgemacht haben und gerade durchmachen. Es gibt Menschen, die viel mehr an Geld und Besitz haben als diese Familie. Aber für sie war es einfach selbstverständlich zu helfen (da wussten sie noch gar nichts davon, dass die Stadt wahrscheinlich eine kleine Miete zahlt) mit dem, was sie anbieten können. Das hat mich sehr beeindruckt.

Bildschirmfoto 2016-03-25 um 16.57.14Gleich vorgestern ist Samih eingezogen. Für ihn ein Neuanfang. Für uns alle ein bisschen Ostern. Gemeinsam mit seiner neuen Gastmutter und seiner Familie war er dann auch bei der Osternacht dabei. Am Ende haben wir uns „Frohe Ostern“ gewünscht. Da ging gerade die Sonne auf.

 

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Wiedersehen

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Vor sechs Jahren war ich zuletzt hier.
Nur ganz kurz.
Damals war zu Hause bei uns jemand krank geworden.
Und deshalb wollte und konnte ich nicht bleiben.

Sie ist die ganzen sechs Jahre hier gewesen.
Damals haben wir uns nur ganz kurz gesprochen.
Ich hatte ihr erzählt, warum ich fahre.
Sonst nichts.
Höchstens zwei Minuten.

Heute sehen wir uns wieder.
Nach einer Weile fragt sie:
„Wie ging es weiter? Wie ist es jetzt?“

Ich hätte ihren Namen nicht mehr sagen können.
Sie hat an uns gedacht.

Immerhin fällt mir ein, was sie damals zum Abschied gesagt hat:
„Wir werden uns sicher wiedersehen.“

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Stein

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Ich bin an einer Mauer entlang gegangen.
Ein Stein war herausgebrochen.
Er lag oben auf der Mauer.

Jemand muss ihn gesehen und aufgehoben haben.
Nicht liegen gelassen. Oder weggekickt.

Sie oder auch er hatten wohl nicht das Zeug, die Sache zu reparieren.
Das wird jemand anders tun müssen.
Oder auch nicht.

Aber den Stein hat er aufgehoben. Oder auch sie.

Und ich?
Mit blieb nichts zu tun.
Ich hab mich gefreut.
Über den, der sich gebückt.

(Bild: Siaron James, Flickr Creative Commons)

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Das Licht des neuen Jahres

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Gestern Abend haben wir einmal etwas gewagt. Ermutigt von einer ähnlichen Erfahrung bei Con:Fusion hatte ich unter Freunden und Bekannten gefragt, wer Lust zu einem literarisch-musikalischen Abend in unserer Küche hätte. Die Idee: Jede, die mag, bringt etwas mit – etwas selbst Geschriebenes, etwas Entdecktes, einen Klassiker, etwas Komponiertes. Der rote Faden des Abends war „(Neu-)Anfänge“.

Ich fand es klasse. Wir haben Klassiker wie Brecht und Hesse gehört, aber auch Lieder, die selbst getextet und zum Teil zum ersten Mal gesungen wurden. Interessant fand ich, dass wir ausgehend von manchen zeitlosen oder ganz zeitbezogenen Stücken immer wieder schnell in Gesprächen waren über das, was uns momentan sehr bewegt – gesellschaftlich, aber auch spirituell. Ein wenig zufällig war es so, dass wir zusammen am Tisch saßen mit Leuten, die jüdische, christliche oder buddhistische Wurzeln hatten. Mit einem der gestern zum ersten Mal gehörten Lieder im Kopf bin ich heute aufgewacht.

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Wiedersehen

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Am Wochenende war ich auf dem Weg nach Hannover. Die Autobahn war dicht. Ich musste auf eine Bundesstraße ausweichen. Auf der Bundesstraße war auch kein Vorwärtskommen. Ich bog ab auf eine Landstraße. Auch da standen alle.

So kam ich (sehr langsam) auch zufällig durch den Ort Haste, in dem ich meine Jugendzeit verbracht habe. Und weil ich inzwischen ziemlich Hunger hatte, hielt ich vor der Bäckerei, in der ich damals immer Brot gekauft hatte. „Quarkmehrkornbrot“ erinnerte ich mich in dem Moment, in dem ich mit einem merkwürdigen Gefühls-Mix aus verklärten Erinnerungen die drei Treppenstufen hoch in den Laden nahm. Das haben wir damals immer gegessen.

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Zur Sprache

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Heute hat mich eine kleine Begebenheit bewegt.

Wir haben Gottesdienst gefeiert. Mit einer Förderschule für Kinder mit Behinderungen. Zum Thema „Segen“. Rappelvolle Kirche. Liebevolle Atmosphäre. Einige der Kinder gestalten den Gottesdienst mit. Für das Fürbittengebet haben sie sich Bitten überlegt, die sie am Lesepult stehend mit uns beten.

Zur letzten Bitte tritt ein Junge ans Pult, der zum Sprechen ansetzt. Aber er kommt nicht über die erste Silbe hinaus. Dann verschlägt es ihm die Sprache. Immer und immer wieder versucht er es, aber es will nicht gelingen. Man spürt, wie die ganze Gottesdienstgemeinde mit ihm mitfühlt und sich in diesem Augenblick nichts mehr wünscht, als dass es ihm gelingen möge, seine Worte zu sagen. Der Lehrer, der neben ihm steht, flüstert ihm diese Worte noch einmal zu. Aber das hilft ihm nicht. Er weiß die Worte ja, aber ihm fehlt die Stimme. Er sucht mit seinen Augen nach Hilfe.

Und dann tritt der Lehrer direkt neben ihn. Und legt ihm seine Hand auf die Schulter. Ein kurzer vertrauensvoller Blick zwischen den beiden. Und dann versucht der Junge es noch einmal. Und die Worte fließen. Und die ganze Gemeinde bricht noch vor dem „Amen“ in tosenden Applaus aus.

Da konnte ich mir die Predigt über den Segen dann getrost sparen.

[Bild: Marta Diarra, Flickr Creative Commons]

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Flashback

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Gestern habe ich einen ganz obskuren Flashback in die 80er Jahre erlebt:

Es klingelt. Ich öffne die Haustür. Ein Mann in Kordhose. Kariertes Hemd. Große Brille. Sehr große Brille. Er sei Blitzschutz-Vertreter. Er zeigt mir einen vergilbten Ordner mit schreibmaschinegeschriebenen Seiten, die beweisen sollen, dass unsere Kirche von ihm gewartet wird. Als ich mich nicht unmittelbar auf einen Vertragsabschluss einlasse, wirkt er gar nicht enttäuscht, sondern bietet mir sehr freundlich an, seine Kontaktdaten dazulassen. Ich denke noch: Jetzt gibt er mir bestimmt gleich eine Karte mit vierstelliger Postleitzahl. So kommt es dann auch. Er verabschiedet sich und steigt in seinen 126er Mercedes-Benz, der ein paar Häuser weiter geparkt ist. Als ich einige Zeit später auf dem Fahrrad zum nächsten Termin dort vorbei komme, sitzt er dort immer noch tief versunken im gepolsterten Fahrersitz.

Habe heute morgen sicherheitshalber noch mal nachgeschaut. Aber da war er weg.

[Bild: Paul Gorbould, Flickr Creative Commons]