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Verflüssigung von Kirche

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In der Kirche gelten häufig klare Grenzen: Entweder du bist Mitglied in der Kirche oder du bist es nicht. Und an diesem Status hängen dann auch Folge-Fragen: Entweder darfst du Pat*in bei der Taufe des Kindes deiner besten Freundin sein oder eben nicht. Entweder darfst du deine*n konfessionslose*n Partner*in kirchlich heiraten oder nicht. Entweder darfst du zum Abendmahl kommen oder nicht. Bei deiner eigenen Bestattung kannst du Glück haben, falls du eine*n Pastor*in findest, der da mal ne Ausnahme macht. Klare Regeln. Klare Grenzen. So haben wir Kirche organisiert – als eine Art Club mit Vorteilen für die Clubmitglieder. 

Wenn wir uns in diesen Zeiten darin ausprobieren, alte Paradigmen, Logiken und Selbstverständlichkeiten von Kirche in Fragen zu stellen, ggf. sogar hinter uns zu lassen und neue Räume zu betreten, dann bietet das auch die Möglichkeit, Grenzen dieser Art zukünftig zu vermeiden und neue Rollenverständnisse einzuüben (die „neuen Räume“ könnt ihr im Folgenden metaphorisch oder konkret denken, das ist egal).

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Kirche und Statistik – (leider) eine Geschichte des Dilettantismus

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Ich habe Mathe noch nicht einmal als Prüfungsfach im Abi gehabt und komme schon an meine Grenzen, wenn ich meiner Tochter bei den Hausaufgaben über die Schulter schaue. Aber um zu erkennen, dass Kirche in der Interpretation mancher Zahlen so grobe Schnitzer macht, dass es schlichtweg falsch wird, dafür reicht es selbst bei mir noch. An zwei populären Beispielen möchte ich versuchen, dies deutlich zu machen.

Es geht aus meiner Sicht dabei nicht um Zahlenklauberei, sondern um zum Teil tendenziöse Exegese von Statistiken, die die Zahlen schlichtweg nicht hergeben. In der Folge macht dies dann leider auch die daraus gezogenen Schlüsse zumindest fragwürdig. Mich würde es vermutlich auch nicht stören, wenn es irgendjemand wäre, der die Zahlen so liest, wie es gerade Freude macht, aber da dies gerade durch unser kirchliches Spitzenpersonal passiert, will ich es doch einmal kommentieren.

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Ich bin ein Suchender

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Wir haben uns angewöhnt, die Menschheit einzuteilen in Gläubige vs. Ungläubige. Diese klare Unterscheidung ist nicht nur hilfreich für fundamentalistische Fanatiker bei der Auswahl ihrer Opfer. Er hilft auch vergleichsweise friedfertigen Menschen, sich selbst samt ihrer eigenen Weltanschauung zu verorten. Meiner Wahrnehmung nach beschreiben sich Menschen beider Gruppen oft in Abgrenzung von der jeweils anderen: „Wir sind zwar nicht gläubig, aber wir würden trotzdem gerne bei Ihnen heiraten/unser Kind in Ihrer KiTa anmelden o.ä“. „Ich bin zwar kein Kirchenmitglied, aber das heißt nicht, dass ich nicht glaube.“ So kann man die Welt einteilen: In einerseits die Menschen, die (mehr oder weniger doll/kräftig/intensiv) glauben und andererseits die Menschen, die halt nicht glauben.

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Kein „Schwaches Signal“

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Hanna Jacobs hat in der letzten Woche einen viel beachteten Artikel in „Christ&Welt“ über die digitalen Angebote der evangelischen Kirche in Corona-Zeiten unter dem Titel „Schwaches Signal“ geschrieben. Im Wesentlichen sind darin die PfarrerInnen Thema. Ein solcher bin ich ja – insofern habe ich mich angesprochen gefühlt. Ein paar Tage habe ich nun überlegt, wie ich darauf reagiere.

Vorrede

Zum einen kennen wir beide uns seit einigen Jahren. Wir teilen sogar die Erfahrung, vom gleichen Mentor im Vikariat ausgebildet worden zu sein. Ich schätze Hanna sehr und halte sie für eine Autorin, die ausgesprochen pointiert Dinge benennen kann und bei der ein unterhaltsamer Schreibstil auf theologisch Durchdachtes trifft. Das gibt es überhaupt gar nicht oft und insofern ist sie eine große Bereicherung für die ganze kirchliche Szene und darüber hinaus. Ich bewundere ihre Fähigkeit, immer wieder in großer Regelmäßigkeit interessante Texte in ihrer Kolumne zu schreiben. Dabei bin ich auch völlig einverstanden damit, Dinge hier und da ein wenig zu überzeichnen – mehr als einmal hat sie so Debatten ausgelöst, die wichtig sind. Und wem gelingt das schon? Ich finde das großartig und lerne von ihr. Vor kurzem hatten wir im Raumschiff Ruhr eine ganz wunderbare, warmherzige Begegnung. Und ich erlebe sie zudem als Person, die Widerspruch, wenn er sachlich begründet ist, konstruktiv aufnimmt – auch das kann nicht jede/r. An einem solchen versuche ich mich nun.

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Momentaufnahme nach einer Woche #corona

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Einige eher unsortierte Gedanken nach einer Woche, die möglicherweise Auftakt ist für eine Zeit, die uns und unsere Welt nachhaltig verändern wird. Ich möchte diese Momentaufnahme zum einen für mich notieren, um sie später nachlesen zu können – aber natürlich auch gleich gerne mit Euch teilen. Für mich eine Woche, in der die Anzahl der Kommunikationsvorgänge eine ähnlich steile Kurve nahm wie die Anzahl der in Deutschland Infizierten, eine Woche mit gleichzeitig immer weniger sozialen Kontakte im physischen Sinn, eine Woche mit nicht nur individuellen, sondern gesellschaftlichen Umstellungen von Lebens- und Arbeitsgewohnheiten, eine Woche mit beängstigenden, beglückenden, schwer einzuordnenden, mutmachenden und ernüchternden Erfahrungen.

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Ein neuer Lebensabschnitt – was vor uns liegt

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Ein neuer Lebensabschnitt? Ich frage mich gerade, ob das nicht etwas hochgegriffen ist. Mein Arbeitgeber bleibt derselbe. Mein Einsatzort/meine Gemeinde auch. Mein Aufgabenbereich ändert sich nur zu einem Viertel meiner Arbeitszeit. Aber irgendwie fühlt es sich trotzdem wie eine Zäsur an. Ich habe überlegt, woran das liegt.

Sicherlich an der Zeitspanne, die ich schon hier bin. Zehn Jahre habe ich noch nie an einem Ort gelebt (bevor ich nach Nordhorn kam, war ich 15 mal in 30 Jahren umgezogen) und es hat sich für mich in den letzten Jahren schon die Frage gestellt, ob das, was ich tue, jetzt einfach immer so weiter geht (wobei das keine Horrorvorstellung war, weil ich das, was ich tue, sehr gerne tue und Nordhorn auch sehr mag) oder ob noch einmal etwas Neues kommt. Dann liegt es vielleicht auch an dem (für mich zumindest gesundheitlichen) Seuchen-Jahr 2019 mit meiner mehrmonatigen Zwangspause, die auch nochmal Dinge sortiert hat. Und vor allem aber hat es mit einer kleinen Gruppe von Leuten zu tun, die sich gerade auf den Weg macht. Dazu gehören Leute, die so etwas wie Seelenverwandte/Komplizinnen/Mitstreiterinnen sind.

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Ein neuer Lebensabschnitt beginnt – was mich in den letzten 15 Jahren geprägt hat

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Es war gegen Ende meines Studiums vor ca. 14 Jahren und ich weiß nicht mehr genau, wie es kam, aber ich bekam zum ersten Mal ein Buch von Brian McLaren in die Hand. Im Nachhinein ist es mir ein Rätsel, warum ich mitten in der Examensvorbereitung steckend nach acht Stunden täglich abends noch freiwillig irgendetwas gelesen habe, aber das war zu einer Zeit, als es noch kein Netflix gab. Und es war zu einer Zeit, in der Buchtitel, die den Wortumfang eines beliebigen Nebensatzes in Karl Barths Kirchlicher Dogmatik nicht unterschritten, noch irgendwie cool waren. Der Titel von McLarens Buch lautete: „A Generous Orthodoxy: Why I am a missional, evangelical, post/protestant, liberal/conservative, biblical, charismatic/contemplative, fundamentalist/calvinist, anabaptist/anglican, incarnational, depressed-yet-hopeful, emergent, unfinished Christian“.

Ich verschlang das Buch. Denn das war meine Geschichte.

Aufgewachsen in einer Pastorenfamilie, in der ich mein Kinderzimmer-Hochbett regelmäßig für fromme Künstler wie Siegfried Fietz großzügig zur Verfügung stellte und in der zugleich Anti-Atomkraft-Schals getragen und das Enneagramm gelesen wurde, war ich im Laufe meiner bis dahin 26 Jahre zum Teil zufällig und zum Teil gewollt in verschiedenste christliche Traditionen hineingestolpert bzw. hatte diese bewusst aufgesucht: Angefangen von meinem Jugendkreis, der sich an die Konfirmation anschloss und sich irgendwann als zum Verband „Entschieden für Christus“ zugehörig herausstellte, als mir jemand mit 15 eine Mitgliedschaftserklärung unter diese Nase hielt; über die Erfahrung in einer US-amerikanischen Pfingstkirche während eines Schüleraustausches; über das Studium in Bethel und Heidelberg; die mehrjährige Mitgliedschaft in einer Freien Evangelischen Gemeinde; Besuche in Taize; Kontakte zu Benediktinern und Freundschaften zu Baptisten, Buddhisten, Jesus-Freaks, Muslimen und Agnostikern. Unterwegs mit all diesen Menschen und an all diesen Orten hatte ich Neues gelernt, war ich fantastischen Leuten begegnet und hatte sich mein Glaube und Leben weiterentwickelt. Manches stand aber noch merkwürdig unverbunden nebeneinander.

Mit dem Lesen von McLarens Buch tat sich für mich eine neue Welt auf. Auf einmal fanden Dinge zusammen, die mir gleichermaßen wichtig waren: Der Einsatz für die Schöpfung UND für andere Menschen. Das Diakonische UND das Missionarische. Die Bedeutung des Körpers UND der Seele. Das Politische UND das Spirituelle.

In meiner Erinnerung begann für mich mit diesem Buch eine innerliche Reise, die damals auch äußerlich mit einem zweiten Amerikaaufenthalt mit vielen wichtigen Erfahrungen zusammenfiel und seitdem anhält. Das für mich vermutlich wichtigste Netzwerk ist seitdem das Emergent-Netzwerk gewesen – für mich ein ökumenischer Gesprächsraum, ein kreatives Experimentierlabor, ein Ort für geistliche Weggemeinschaft und Freundschaft. Vielleicht weniger vordergründig in meiner doch eher klassischen Gemeindearbeit als Pastor, aber ganz bestimmt in den Tiefenschichten meines Denkens und Glaubens über Gott, diese Welt, ihre Menschen und die Kirche hat mich der Austausch dort sehr geprägt.

Seitdem sind andere Begriffe, Ideen, Netzwerke hinzugekommen, die für mich eine wichtige Bedeutung für meine Sehnsucht von Kirche haben: Kirche2 ist so eine Bewegung, in der ich auf viele Menschen getroffen bin, die mit ähnlichen Fragestellungen und Träumen unterwegs sind. Ich hoffe sehr, dass es mit dem Netzwerk weitergeht. FreshX ist ein Begriff aus der anglikanischen Kirche, der neue Gestaltungsformen von Kirche beschreibt, die zum Teil anders aussehen oder einen anderen vibe haben als unsere klassischen Bilder von Kirche.

Und vor allem aber waren für mich wichtig die vielen Begegnungen mit Menschen in Nordhorn, die sich als glaubend oder nicht-glaubend beschreiben; die schon für etwas brennen oder denen man das (noch) nicht so ansieht; die nach etwas suchen oder schon gefunden zu haben meinen; die das Leben lieben und/oder zugleich am Leben leiden; die etwas für unsere Stadt wollen und denen diese Welt nicht egal ist; die Gott „Allah“ nennen oder „mein Erlöser“ oder „Weltengrund“. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen hinterlässt Spuren. Und so haben auch diese Begegnungen mich nachhaltig geprägt als Christ, als Pastor, aber vor allem einfach als Mensch.

Und nach 10 Jahren in Nordhorn und in diesem Beruf beginnt nun mit dem neuen Jahr etwas Neues und Aufregendes. Aber weil dieser Beitrag schon länger ist als alles, was heutzutage bis zum Ende gelesen wird, setze ich später noch einmal neu an in einem neuen Post.

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Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten – Lernen für eine Kirche von morgen

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In den vergangenen drei Wochen haben wir als Kirchengemeinde ein Experiment gewagt. Wir haben unsere Gottesdienste am Sonntagvormittag nicht in der Kirche gefeiert, sondern an ungewöhnlichen Orten: in einem Buchladen, in einem Friseursalon und in einer Sparkasse in unserem Stadtteil.

Warum? Weil uns die Vernetzung im Stadtteil wichtig ist. Weil Kirche nicht hinter ihren eigenen Mauern bleiben muss. Und weil wir wissen wollten, was es mit uns, unserem Gottesdienst und unserer Botschaft macht, wenn wir das alles jeweils in neuen Kontexten buchstabieren müssen.

Das Experiment stieß auf große Resonanz – sowohl was die Öffentlichkeit anging als auch im Hinblick auf die Anzahl der Besucherinnen und Besucher. Die Reaktionen vor dem Start bildeten das ganze Spektrum von Skepsis bis Begeisterung ab. Am Ende überwog deutlich Letztere. Für mich war nach dem letzten der drei Gottesdienste so etwas wie Aufbruchstimmung zu spüren, obwohl das Experiment ja eigentlich gerade zu Ende gegangen war. Das führt mich dazu, an dieser Stelle noch einmal den Versuch zu wagen, genauer darauf zu schauen, was in den letzten drei Wochen eigentlich (mit uns) passiert ist. Meine Ahnung ist: Wir haben im Kleinen etwas von dem erlebt, wie Kirche auch in Zukunft sein könnte.

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Leben. Liebe. Kirche.

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Die letzte Woche habe ich an zwei sehr unterschiedlichen Orten verbracht. Mit unterschiedlich vielen Menschen. Und unterschiedlichem Komfort. Zum einen auf einem Festivalgelände in der Nähe von Cuxhaven. Zum anderen im katholischen bischöflichen Priesterseminar zu Hildesheim.

Spontan aufm #deichbrand #traumwetter #deichbrand2017

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Deichbrand

Schon vorher hatte ich damit geliebäugelt, da ich an meinem letzten Urlaubswochenende noch nicht viele Pläne gemacht hatte. Dann hatten Bekannte von mir auf einmal eine Karte fürs Deichbrand-Festival übrig und der vom Ticket Zurückgetretene wollte noch nicht einmal einen Cent dafür haben. Tja, da hab ich deutlich kürzer überlegt als die UEFA-Verantwortlichen gestern Abend für die Absage des EM-Viertelfinals und bin spontan mitgefahren. Jeder, der einmal dort oder an anderen vergleichbaren Orten war, weiß: Festivals sind Orte voller Leben, voller Liebe und voller Alkohol. Aber eben vor allem voller Leben. Auch Orte, an denen man sich einmal nicht gesellschaftskonform, kundenfreundlich, den Erwartungen entsprechend oder obrigkeitshörig verhalten muss. Irgendwie entrückte Orte. Eine andere Welt.

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Das Kreuz mit dem Kreuz

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Der Gerichtspräsident des Amtsgerichts Saarbrücken hat Kreuze aus seinen Sitzungssälen entfernen lassen. Und sofort flammt die Debatte um das Kreuz im öffentlichen Raum wieder auf, die ja in den 90er Jahren besonders im Hinblick auf Klassenzimmer geführt wurden. Die einen argumentieren mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates, die anderen fürchten um den Untergang des christlichen Abendlandes und ziehen ihrerseits mit dem Kreuz im Gepäck in einen Kulturkampf. Und dabei kommt es zu einem für mich fast kuriosen Streit um die Deutungshoheit dieses Symbols.

Denn das Kreuz ist ja zunächst ein Symbol. Und Symbole sind bedeutungsoffen – oder zumindest bedeutungsreich. In jedem Fall ein religiöses Symbol wie das Kreuz. Denn im Unterschied z.B. zu einem Verkehrszeichen liegt die Deutung von einem Symbol wie dem Kreuz ja eben auch im Auge des Betrachters. Wäre ein Verkehrszeichen bedeutungsoffen, hätte es vermutlich ganz katastrophale Folgen. Beim Kreuz ist der Spielraum dessen, was man unter diesem Symbol verstehen kann, deutlich größer. Inwiefern auch in aktuellen Stellungnahmen von Christen-Menschen dem Kreuz ganz Unterschiedliches zugeschrieben wird, dazu unten mehr. Gerade im Hinblick auf religiöse Symbole lässt sich nachvollziehen, dass diese sich auch nicht rein rational interpretieren lassen, sondern immer auch einen Bedeutungsüberschuss in sich tragen, der sowohl kulturell gefärbt ist als auch für den einzelnen Betrachter oft emotional belegt ist. Vielleicht erklärt dies auch die Intensität der Debatte an manchen Stellen.