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Kirche als soziales Netzwerk

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Überall wird zurzeit von Netzwerken gesprochen. Der Begriff ist als Schlüsselkategorie gesellschaftlicher Analyse allgegenwärtig. Er suggeriert Flexibilität, Modernität und Innovationskraft. Wenn man im Hinblick auf die Organisation und Institution Kirche von einem Netzwerk sprechen möchte, steht man damit unmittelbar im Verdacht, längst bekannte Strukturen und Kommunikationsmöglichkeiten lediglich neu etikettieren zu wollen. Dabei muss man allerdings beachten, dass auch „Institution“ und „Organisation“ soziologische Begriffskategorien sind, die Kirche immer nur unter bestimmten Aspekten in den Blick nehmen.

Im Kontext Kirche wird der Netzwerkbegriff sehr unterschiedlich verwendet: Manchmal einfach als unbestimmte Metapher z.B. in Anknüpfung an das biblische Bild vom Netz (Joh 21). Dann aber auch im Anschluss an soziologische Netzwerktheorien oder in Analogie zu Neurowissenschaften, dem Internet oder anderen netzwerkartigen Phänomenen. Der Begriff bietet ein vergleichsweise einfaches Bild, denn schließlich besteht ein Netzwerk lediglich aus Knoten und Verbindungen. Dies führt dazu, dass er ausgesprochen anschlussfähig ist, zugleich aber auch in der Gefahr steht, als Modewort unscharf zu werden. Trotzdem könnte er geeignet sein, das komplexe Gebilde Kirche zu versinnbildlichen.

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Loblied auf die Frage

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Heute im Gottesdienst habe ich ein Experiment gewagt und bin ohne Manuskript auf die Kanzel gestiegen um zu predigen. Dafür aber mit jeder Menge Fragen aus der Gemeinde. Bevor ich von dieser Erfahrung berichte – ein kurzes Loblied auf „Die Frage“.

Ein Workshop vom Kirchentag in Stuttgart hatte einen besonders intensiven Nachhall bei mir. Es ging in diesem Workshop zunächst um „Persönliches im Gottesdienst“ und dann aber auch um die Schönheit der Frage. Ein Pastor berichtete sinngemäß, dass er nach fünf Jahren in der Gemeinde einfach nichts mehr zu sagen hatte, weil er müde davon war, sich jeweils über 15 Minuten zu einem Thema auszulassen, zu dem überhaupt niemand eine Frage gestellt hatte. Und oftmals ist auch das ja die Erfahrung von Predigthörern, dass man den Eindruck hat, es werden Antworten auf Fragen gegeben, die eigentlich gar niemand gestellt hat.

Vielleicht trägt auch dazu bei, dass wir als Predigende oft schon zu schnell bei den Antworten sind und die Fragen nicht lange genug Fragen sein lassen. Oder uns den eigenen Fragen erst gar nicht stellen. Ein Dozent an der Uni sagte mir einmal: „Wenn Sie in der Bibel mehr als drei Verse lesen und Ihnen kommt nicht irgendeine Frage in den Sinn, dann lesen Sie noch einmal genauer!“

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Von einer bedeutungslos werdenden Volkskirche zur „Kirche mit anderen“

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Ein weitverbreitetes und beliebtes Deutungsmuster zur steigenden Bedeutungslosigkeit der Volkskirchen in unserem Land funktioniert ungefähr so:

„Immer weniger Menschen kommen in die Kirchen. Der Grund dafür ist allerdings nicht, dass das Volk nicht spirituell interessiert wäre. Ganz im Gegenteil: Wir leben in der Zeit des Post-Säkularismus. Die Menschen tragen einen ganzen Bauchladen voller spiritueller Fragen und Sehnsüchte mit sich herum. Nur sind ausgerechnet die Kirchen der letzte Ort, an dem sie diese Fragen stellen, da sie dort keine Antworten mehr erwarten.“

Weitverbreitet ist dieses Deutungsmuster interessanterweise gerade innerhalb der kirchlichen Landschaft. Und zwar vermutlich deshalb, weil es in einer Zeit, die stattdessen auch depressiv machen könnte, einen gerade noch erträglichen Mix aus angeblich realistischer Gegenwartsanalyse bei immerhin noch vorhandener Zukunftsperspektive bietet: Zwar hat die Kirche bisher an den Leuten vorbeigeredet, weil sie Antworten auf Fragen gegeben kann, die so gar nicht gestellt worden waren. Aber nun, da dieses Problem erkannt ist, hat sie die Möglichkeit, sich als ehemaliger Monopolist auf dem Feld der Sinnsuche den heute aktuellen spirituellen Fragen der Menschen zuzuwenden und ihre Deutungshoheit im Hinblick auf die wirklich wichtigen Themen des Lebens zurückzugewinnen.

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Gute Worte

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Morgen feiern wir hier Konfirmation. Ich liebe Konfirmationen.

Ich liebe es, wenn die ersten Konfis morgens todschick angezogen eintrudeln. Ich liebe den Moment, wenn wir mit der ganzen Gruppe und den Teamern vor dem Einzug im Gemeindehaus im Kreis stehen. Ich liebe den Moment, wenn die Glocken verklingen, die Orgel einsetzt, die Gemeinde aufsteht und wir alle feierlich einziehen. Ich liebe es, wenn die Kirche rappelvoll ist. Ich liebe es, wenn das Video vom letzten Jahr läuft. Ich liebe es, an diesem Tag zu predigen. Ich liebe den Moment, wenn wir alle zusammen das ganz eigene Glaubensbekenntnis sprechen. Ich liebe es, jedem einzelnen Gottes Segen zusprechen zu dürfen.

Und ich liebe den Moment, wenn ich die „guten Worte“ sagen und überreichen darf.

Damit hat es Folgendes auf sich: In jedem Jahr nehmen wir uns in der letzten Einheit, die das Thema „Freundschaft“ hat, ganz viel Zeit. Ungefähr eine ganze Stunde. In dieser Zeit läuft schön Musik und jeder nimmt sich so viele Zettel wie es Konfis und Teamer gibt. Und dann schreiben wir auf, was wir an dem anderen mögen. Was sie oder er gut kann. Warum der andere liebenswert ist. Bei manchen aus der Gruppe geht das ganz schnell und ein Zettel reicht gar nicht aus. Bei anderen müssen wir etwas länger überlegen, aber dann fällt einem doch etwas ein. Und so entsteht für jede und jeden ein ganzes Paket an liebevollen, guten Worten.

Wenn ich diese Worte für jeden zusammenbinde, dann berührt mich das immer sehr. Dieses Jahr besonders. In diesem Jahr sind es besonders schöne Worte. Sie sind sehr bewusst gewählt. Es ist wenig Leichtfertiges dabei. Aus ihnen spricht Lebensfreude genauso wie durchlittener Schmerz. Und die ganze Gruppe hat sich ganz viel Mühe gegeben, für jeden Einzelnen aus der Gruppe gute Worte zu finden:

„Du kannst andere begeistern.“ „Wenn du den Raum betrittst, geht die Sonne auf.“ „Du hast ein schönes Lachen.“ „Mit dir kann man über alles reden.“ „Du sorgst für gute Stimmung.“ „Du hast eine tolle Ausstrahlung.“ „Ich mag deine Haare.“ „Du bist sehr feinfühlig.“ „Du bist so kreativ.“ „Du hast ein großes Herz.“

Ich kann nur sagen, dass ich das mit 14 Jahren so nicht gekonnt habe – anderen so gut sagen zu können, was sie mir bedeuten. Mein Eindruck ist, dass diese Generation an Jugendlichen, die jetzt konfirmiert werden, auch über die sozialen Medien gelernt hat, anderen Komplimente zu machen, sich gegenseitig zu bestärken und mit Worten und Emoticons eigene Gefühle auszudrücken. Das ist echt ein Geschenk für die Welt, das ihr das so könnt.

Ich übe mich darin, indem ich beim Überreichen dieser vielen guten Worte dann jedem von Euch sage, was ich in euch sehe und warum ihr besonders seid.

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Ab wann ist man Christ?

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Viele Menschen glauben nicht an einen persönlichen Gott, der sie behütet oder bestraft. Sie können aber etwas Unsichtbares annehmen, das ihnen bei einer Geburt oder in der Natur begegnet. Etwas, auf das sie keinen Einfluss haben, das aber hinter oder in allem wohnt.

Christen sagen: Dieses „Unsichtbare“ hat sich Menschen gezeigt. Es hat auch gesagt, wie es heißt. Zum Beispiel erzählen sich Christen von einem Wüstenbusch, der brennt und nicht verbrennt. In diesem Flammenbusch hat es gesagt, wie es heißt: „Ich bin da“. Das ist auch nicht so richtig konkret. Aber es hatte offenbar eine Stimme. Es hat auch noch mehr gesagt: „Ich führe euch.“ Zum Beispiel heraus aus einem Leben, wo man nichts zu sagen hat hinein in ein Leben, in dem man mitreden darf.

Die sowas hörten, haben vor ca 4000 Jahren gelebt. Sie wohnten etwa da, wo heute Israel ist. In diese Menge von Leuten (das jüdische Volk) ist dann später Jesus Christus hineingeboren worden. Der hat das Unsichtbare „Vater“ genannt, sogar „seinen“ Vater. Das haben ihm die religiösen Führer übel genommen, und der Rest ist bekannt.

So weit so gut.

Es kann sein, dass man sich als spirituell neugieriger Mensch ähnlich wie diese Leute damals entwickelt: Erst ist diese andere unsichtbare Gegenwart überall und hat keinen Namen. Später fasst sie dich vielleicht an und sagt: Hier bin ich. Zum Beispiel, wenn du jemanden triffst, der dich liebt. Oder wenn du dein eigenes frisch geborenes Kind im Arm hältst. Oder irgendwo auf dem Bahnhof. Oder in einer Gottesgeschichte aus der Bibel. Manchmal spürt man diese andere Gegenwart wie ein DU. Man kann z.B. am Meer stehen und hören, wie es spricht. Kann sein, dass es sagt: „Ich bin immer schon da – und du nur heute. Aus mir kommst du.“ Oder sowas. Manche nennen das Gott.

Damit nun nicht immer alle rätseln, wie dies Andere aussieht und wo es wohnt, hat Jesus gesagt: „Wenn ihr mich seht, seht ihr Gott. Wenn ihr seht, wie ich mit Menschen umgehe, seht ihr Gott. Und wenn ihr seht, wie ich mit leide an dem, was falsch läuft, dann seht ihr Gott, wie er mit leidet. Und wenn ich gestorben bin, seht ihr mich nicht mehr. Aber ihr könnt mich nun immer in Menschen entdecken, die auch Schmerzen haben. Oder die ihr Leben lieben und sich nicht zufrieden geben mit schlechten Versprechungen. Oder die kämpfen, wenn Leute keine Arbeit kriegen. In denen lebe ich und in allen anderen auch. Z.B. in deiner Aldi- Kassiererin. Und in dir.“

Damit hat Jesus auch gesagt: „Gott hat ein Gesicht, nämlich zunächst meins. Und wenn Ihr das merkt und glaubt, dann seid ihr meine Geschwister. Und da Geschwister sich ähneln, kann man Gott auf meinem und auf Eurem Gesicht sehen.“

Man kann also glauben, dass das Unsichtbare überall ist und sagt ‚Ich bin da‘. Man muss nicht glauben, dass Gott einen Bart hat und am Lenkrad sitzt, denn so einen Gott gibts wahrscheinlich gar nicht. Und man kann gleichzeitig glauben, dass Gott in Jesus Christus zu sehen war und jetzt auch in allen Menschen. Wer das glaubt, ist Christ.

Nur: damit ist man noch ein bißchen für sich allein – so eine Art Single-Christ. Damit man merkt, dass man (christliche) Geschwister hat, sucht man sie am besten. Dann kann man sie kennenlernen. Das geht überall – am leichtesten in der Kirche. Da findet man welche. Will man sie noch näher kennenlernen, spricht man mit ihnen. Tut man das länger, dann merkt man Ähnlichkeiten und Unterschiede wie bei den eigenen Geschwistern auch. Und man gehört immer mehr dazu, je länger man miteinander redet.

Wer in diese Familie ganz rein will, lässt sich dann irgendwann taufen. Da sagt man: Ja, ich gehör zu diesen Christen, die vom ‚Ich-Bin-Da‘ abstammen und Jesus als Bruder haben. Viele Eltern entscheiden das für ihre Kleinen, so wie sie die Schule wählen und den Wohnort. Dann sind die Kinder kleine Christenmenschen. Aber was das bedeutet, das müssen sie später selber rausfinden, z.B. im Konfirmanden-Unterricht. Andere Eltern lassen es ihre Kinder selbst entscheiden. In der Taufe und später immer wieder sagt dann das Unsichtbare zu dir: „Du bist mein liebes Kind, an dir habe ich meine Freude.“. Das hat es auch zu Jesus gesagt, als der sich hat taufen lassen. Das heißt, man wird Christ durch eine äußere Entscheidung und durch eine innere. Dann hat man Christengeschwister. Viele und weltweit.

Thomas Hirsch-Hüffel

 

Bild: Colin, Flickr Creative Commons License, Ausschnitt

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Ich schlaf an deiner Krippen hier

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Einmal im Jahr übernachte ich mit unseren Konfirmanden in unserer Kirche. Ja, richtig: Nicht im Gemeindehaus, sondern tatsächlich in der Kirche. Die Jungs schlafen im Altarraum unten neben der aufgebauten Krippe unterm Weihnachtsraum, die Mädels oben auf der Empore neben der Orgel. Warum ich das mache, werde ich regelmäßig gefragt.

Ich kann es nicht quantitativ oder qualitativ belegen, aber mein Eindruck ist Folgender: Das Verhältnis der Jugendlichen zu unserem Kirchraum ist nach der Übernachtung ein anderer als vor der Übernachtung. Ich tue mich anschließend als Konfirmand leichter damit, den Altarraum beim Abendmahl zu betreten, wenn ich genau dort vor dem Altar schon einmal mit meiner Luftmatratze gelegen habe. Ich bewege mich selbstverständlicher zum Lesepult, wenn ich genau an der Stelle im Schein der aufgebauten Krippe schon einmal eingeschlafen und wieder aufgewacht bin.

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Con:Fusion 2014

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Die vergangenen Tage habe ich in einer Gemeinschaft von etwa 40 Menschen südlich von Kassel am Mosenberg verbracht. Organisiert wurde dieses Treffen vom Netzwerk Emergent Deutschland, dem ich mich seit einigen Jahren verbunden fühle. Aus meiner Sicht war es ein sehr gelungenes Format. Ich stelle allerdings auch fest, dass es gar nicht so einfach ist, anderen in wenigen Worten zu beschreiben, worum es ging. Die gängigen Begriffe für Veranstaltungen außerhalb der Arbeitszeit wie „Tagung“, „Seminar“, „Urlaub“, „Fortbildung“ oder „Konferenz“ treffen es alle irgendwie nicht richtig.

Vielleicht haben wir so etwas wie eine „Kurzzeit-Kommunität“ gelebt. Mit einem gemeinsamen geistlichen Rhythmus – Walter und Peter hatten die Stundengebete aus Iona mitgebracht und ins Deutsche übertragen. Mit gemeinsamer Essensvorbereitung, gutem Essen und Trinken. Mit einem gemeinsamen Leben auf engem Raum und wenig Privatsphäre (4-Bett-Zimmer, 2 Bäder auf dem Flur). Mit kleineren Konflikten. Mit Menschen, die einem schon auf den ersten Blick sympathisch sind und solchen, für die sich ein zweiter Blick lohnt. Eine beengte Unterkunft also. Ein ungünstiger Termin. Noch nicht einmal als Fortbildung für mich zu verbuchen. Und trotzdem sehr gelungen.

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Ein ganz normales Wochenende

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„Eigentlich ein ganz normales Wochenende.“ dachte ich gestern, als Annette und ich traditionell nach dem Zu-Bett-Bringen der Kinder und noch vor dem Tatort kurz die zurückliegenden Tage reflektierten und die kommende Woche in den Blick nahmen. Ein ganz normales Wochenende. Mit verschiedenen Aktivitäten inklusive zwei Gottesdiensten. „Bist du kaputt?“ „Ja, schon müde. Aber nicht ausgelaugt“, dachte ich.

Und dann wurde mir bewusst, dass das Wochenende alles andere als normal war. Und das sich die Dinge verändern. In unserer Gemeinde. In meiner Rolle als Pastor. In meinem Leben. Zwei Dinge wurden mir bewusst, für die ich dankbar bin.

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Leisetreter

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Ein Leisetreter bin ich. So lese ich in Kommentarspalten und Feuilletonbeiträgen. Einer von denen, die der bürgerlichen Meinung hinterherlaufen. Vertreter einer Institution, die schon lange für nichts mehr steht. Ein Manager bestenfalls, aber kein Heiliger. Nicht, dass ich mit meinen katholischen Amtsbrüdern tauschen wollte. Während Ihnen ihre ewige Gestrigkeit angekreidet wird, bin ich mit dem Vorwurf der Beliebigkeit konfrontiert.

Das bin ich, weil ich evangelischer Pastor bin. Wahrscheinlich sehe ich nicht unbedingt wie einer aus. Zunächst einmal bin ich viel zu jung. Die meisten haben die Vorstellung, ein Pastor müsse mindestens fünfzig sein und Vollbart tragen. Ein Anspruch, der übrigens auch für meine Kolleginnen im Amt nicht ganz einfach zu erfüllen ist. Wenn ich bei einer Party auf die Frage antworte, was ich beruflich mache, fällt meinen Gesprächspartnern regelmäßig die Kinnlade runter. Die meisten denken, ich mache Scherze. Andere gucken mitleidig.