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Eine alltagstaugliche, spielerische Spiritualität

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Als Jugendlicher habe ich gelernt, wie man als Christ den Kontakt zu Gott hält, nämlich vor allem durch eine (in der Regel morgens) durchzuführende „Stille Zeit“, die aus den Elementen (1) Bibel-Lese und (2) Gebet besteht. In Zeiten meines Lebens hat diese regelmäßige Routine auch recht gut funktioniert. In den meisten Zeiten allerdings leider nicht. Ich kenne viele, denen es ähnlich geht. Dafür gibt es viele Gründe: Manche von uns sind einfach zu undiszipliniert, manche haben Kinder, andere Schichtdienst und wieder andere sind Morgenmuffel. Und noch bei anderen haut es einfach nicht hin und sie wissen auch nicht, wieso. So isses bei mir. Ich hab aber aufgehört, mich dafür schlecht zu fühlen. Vielleicht kommt mal wieder eine Zeit, wo es besser klappt, vielleicht auch nicht.

Aber wenn eine Sache nicht so richtig klappt im Leben, kann man sich ja fröhlich was anderes suchen. Da bin ich gerade mal wieder bei und wollte euch gerne Anteil daran geben.

Für mich ist dabei wichtig, dass zwei Dinge zusammenkommen. Zum einen muss eine Spiritualität, die für mich funktioniert, irgendwie alltagstauglich sein. Zu gewaltige Vorhaben und zu große Anstrengungen scheitern meist bald wieder. Zum anderen darf sie etwas Spielerisches, Leichtes, Humorvolles haben. Das liegt einfach an meinem Persönlichkeitstyp, der sich total schnell in Gesetzlichkeiten verfängt oder neue Weltrekorde erreichen will. Wenn ich das Ganze dagegen als Spiel (mit Gott und mir) auffasse, dann ist es leichter (ich spiele nämlich sehr gerne). Angestrengte Christen gibt es ja schon gut. Ich glaube, das ist für Gott auch nicht so toll. Für ihn ist es vielleicht auch leichter, wenn wir es uns nicht so schwer machen.

Und deshalb bin ich dabei, mir Sachen auszudenken, die zu meinem Alltag passen. Ich teile jetzt einfach mal eine Liste von Sachen mit Euch, die zu Routinen/wiederholten Handlungen im Tagesablauf passen, die bei mir vorkommen. Bei Euch werden es andere sein. Aber es geht weniger um die konkrete Sache als um die Idee dahinter und darum, etwas für sich Passendes zu finden. Für Euch sind vielleicht auch meine Worte oder meine Frömmigkeit nicht stimmig. Gut so. Ihr werdet etwas Eigenes finden.

Betreten des Bads

Beim ersten Blick in den Spiegel sage ich: „Gott hat Dich wunderbar gemacht. Ob Du es glaubst oder nicht. Er hat Dich lieb!“

Duschen

Ich mach diese Kneipp-Sache zum Abschluss des Duschens. Das ergibt einen Achter-Rhythmus (Außen- und Innenseite jedes Beins und Arms). Dazu kann man beten: „Du hast mich geschaffen, Gott. (1) Mein Außen und (2) mein Innen. (3) Das, was man sieht und (4) das, was verborgen ist. (5) Ich gehöre Dir mit (6) meinem Herz, (7) meiner Seele und (8) meinem Gemüt.“
Wenn man so eine tolle Duschbrause hat wie meine Freunde Lena und Henning in ihrem neuen Haus, unter der es sich so anfühlt, als stände man in einem warmen Sommerregen, kann man mit Matthäus 5, 45 beten: „Gott, Du lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Ich bin mal dies und mal das. Lass mich heute mehr zum Ersteren tendieren.“

Erstes Glas Wasser am Morgen

Weil das erste Glas Wasser, das den Darm in Gang bringt, ja lieber warm als kalt sein sollte, verzichte ich auf Erfrischungs-Metaphern und bete: „Bei Dir, Gott, ist die Quelle des Lebens.“

Wässern des Gartens

Während ich mit meinem Schlauch durch den Garten mäandere, kann ich Gott für die einzelnen Pflanzen danken. „Gott, ich danke Dir für den Frauenmantel. Ich danke Dir für die Stockrosen. Ich bringe es nicht übers Herz, Dir für den Girsch zu danken – der muss gleich noch raus. Ich danke Dir für diese Pflanze, deren Namen ich gerade nicht weiß. Ich danke Dir für die Himbeeren.“ Damit hab ich mit diesem Gebet gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Denn ich möchte gerne viele der Pflanzen in meinem Garten mit Namen kennen (was ich mit Namen kenne, kann ich noch mehr wertschätzen) und ich kann die mir so schlecht merken.

Autofahrt zu jemandem hin (z.B. einem Freund) und zurück

„Gott, ich bitte Dich für …… Schenke und gleich eine gute Begegnung. Sei Du bei uns mit Deinem guten Geist.“ „Gott, du hast alles mitbekommen, worüber wir gerade gesprochen haben. Ich lege es dir hin.“ (Manchmal kann man dieses Gebet auch noch mit den Besuchten am Ende vom Besuch sprechen, aber oft ist das ja auch nicht so passend.)

An der Supermarkt-Kasse

„Gott, ich bitte Dich für Herrn …. / Frau …. Schenk ihm/ihr noch einen schönen Tag und segne ihn/sie.“ (die Namen stehen ja meist auf kleinen Schildchen oder direkt auf der Kleidung aufgedruckt). Dieses Gebet rate ich, vorzugsweise einfach innerlich zu sprechen. Alles andere kommt meistens komisch … So wie ich aber einem Freund anders begegne, wenn ich ihn schon vorher betend bedacht habe, wird sich auch ein solches innerliches Gebet äußerlich Ausdruck verleihe, z.B. indem ich meinem kassierenden Gegenüber einen schönen Tag wünsche.

Zurücksetzen unserer drei Schildkröten in ihr Frühbeet am Abend

„Ich danke Dir für Morla und für alle Tiere, die Du gemacht hast. Ich danke Dir für Ptolemy und für Deine ganze Schöpfung. Ich danke Dir für Putito – lass sie gut (weiter)schlafen und lass uns alle gut schlafen.“ 

Atmen

Atmen kann man ja überall. Sollte man auch. So lange es das Gebet gibt, gibt es auch die Bindung vom Wort an den Atem. Ich hab gerade gelernt, dass es (wenn man es bewusst als Übung macht) gut ist, doppelt so lange auszuatmen (Entgiftung) wie einzuatmen und zwischendrin eine Pause zu machen (Anreicherung von Sauerstoff, Aktivierung des Lymphsystems). Die Worte, die man dabei denkt (denn reden ist ja dabei schwierig), kann man ja entsprechend von der Länge anpassen. Z.B. „Gott. (Pause) Dein Geist lebt in mir.“

Ich denke, die Idee dürfte klar sein. Wichtig ist für mich, dass die Gebete so einfach sind, dass ich sie mir merken kann. Gott braucht keine großen Worte. Er weiß ja eh alles. Für ihn dürfen es auch immer dieselben sein. Immer wieder benötige ich aber selbst neue Worte, weil sich die alten irgendwie verschlissen haben. Je einfacher die Gebete sind, desto zeitloser sind sie für mich.

Manchmal brauche ich Sätze als direktes Gespräch mit Gott, manchmal tut mir ein Zuspruch gut, manchmal brauche ich die Selbst-Affirmation. Am Beispiel mit dem Blick in den Spiegel: Ich kann als Gebet/Gespräch formulieren: „Du hast mich wunderbar gemacht, Gott, manchmal kann ich es kaum glauben, aber Du hast mich lieb.“ Oder wie oben einfach als Aussage, die ich in diesem Fall meinem Spiegelbild zusage: „Gott hat Dich wunderbar gemacht …“ Oder als Selbst-Affirmation: „Ich bin wunderbar gemacht. Gott hat mich lieb. Ob ich das glaube oder nicht. Is so.“ Da muss man einfach gucken, was für einen selbst in welcher Situation passt.

Vielleicht gibt’s jetzt die eine Sache, die Du von meinen Sachen gut findest und zu der Du spontan Lust hast. Oder vielleicht hat es Dich auf eine andere Idee gebracht. Eine Sache reicht auch. Man sollte sich in acht davor nehmen, gleich alles zu wollen. Das stresst vermutlich nur. Ich mach ehrlich gesagt auch nicht die ganzen Sachen oben – manche hab ich mir gerade erst beim Schreiben ausgedacht und überlegt, dass sie vielleicht ganz nett wären. Mal sehen, ob sie Teil meines Alltagsgebets werden. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.

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