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Kinder brauchen Grenzen?

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Jahrelang stand ein Buch mit diesem Titel in unserem Regal. Allerdings ohne das Fragezeichen. Ich kann mich gar nicht genau erinnern, ob ich es je gelesen habe. Aber der Titel wurde irgendwie unter der Hand zu einer Selbstverständlichkeit: Klar, Kinder brauchen Grenzen. Die Alternative – eine Erziehung ohne Regeln und klare Grenzen – erschien wenig sinnvoll. Und so meinte ich in den ersten Jahren als Vater meinen Kindern Gutes zu tun, indem ich möglichst konsequent, unnachgiebig und hart die Grenzlinien verteidigte, die ich vorher an mir irgendwie sinnvoll erscheinenden Stellen gezogen hatte.

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Zwei Briefe

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Heute war DER BRIEF in der Post. Im Briefkasten von Pellumb, Linditha und ihrer Tochter Arensa. Genau an dem Tag, an dem Linditha für ihr Bewerbungsgespräch üben wollte.

Arensa konnte schon nach kurzer Zeit deutsch. Inzwischen ist sie Klassenbeste. Jeder auf dem Schulhof kennt sie. Sie ist sehr beliebt. Sie lacht viel. Beim Krippenspiel wollte sie gerne mitmachen. Hat sogar einem anderen Flüchtlingskind geholfen, das gar kein Deutsch konnte. In sechs Wochen wurde sie von einer Nichtschwimmerin zur Freischwimmerin. Sie ist im Sportverein. Sie hat viele Freundinnen.

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Von der Liebe zum Eigenen und zum Anderen

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Mein Eindruck der letzten Wochen in den Debatten um die sog. Flüchtlingskrise ist, dass all die Argumente, die in den Kommentarspalten ausgetauscht werden, dass all die Posts und Videos in den sozialen Netzwerken, dass all dies jedenfalls nicht die Wirkung hat, das jeweils andere Lager maßgeblich argumentativ zu überzeugen. Die Emotionen (Mitgefühl, Erschrecken, Sorge, Angst) sind stärker als Argumente, Daten, Fakten etc. Die allermeisten haben sich positioniert, im Lager der sog. „Gutmenschen“ oder dem der „Besorgten“. Manche versuchen noch zu vermitteln, aber sehen sich irgendwann auch gezwungen, sich aufgrund der immer neuen Schreckensmeldungen zu der einen oder der anderen Gruppe zu schlagen. Dabei ist dann auch entscheidend, ob es eher die Schreckensmeldungen aus den Krisengebieten (Folterungen, Exekutionen, Zerstörung von Kunst und Kultur, Bomben, Vergewaltigungen) oder die Schreckensmeldungen vor Ort (Schulsport wegen Belegung der Turnhalle nicht mehr möglich) sind, die das eigene Wohlbefinden mehr in Unruhe versetzen. Mir scheinen die Fronten ziemlich festgezurrt und verhärtet. Die Kommentarspalten zu allen Beiträgen mit Flüchtlings-Thematik lesen sich irgendwie immer ziemlich ähnlich.

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Loblied auf die Frage

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Heute im Gottesdienst habe ich ein Experiment gewagt und bin ohne Manuskript auf die Kanzel gestiegen um zu predigen. Dafür aber mit jeder Menge Fragen aus der Gemeinde. Bevor ich von dieser Erfahrung berichte – ein kurzes Loblied auf „Die Frage“.

Ein Workshop vom Kirchentag in Stuttgart hatte einen besonders intensiven Nachhall bei mir. Es ging in diesem Workshop zunächst um „Persönliches im Gottesdienst“ und dann aber auch um die Schönheit der Frage. Ein Pastor berichtete sinngemäß, dass er nach fünf Jahren in der Gemeinde einfach nichts mehr zu sagen hatte, weil er müde davon war, sich jeweils über 15 Minuten zu einem Thema auszulassen, zu dem überhaupt niemand eine Frage gestellt hatte. Und oftmals ist auch das ja die Erfahrung von Predigthörern, dass man den Eindruck hat, es werden Antworten auf Fragen gegeben, die eigentlich gar niemand gestellt hat.

Vielleicht trägt auch dazu bei, dass wir als Predigende oft schon zu schnell bei den Antworten sind und die Fragen nicht lange genug Fragen sein lassen. Oder uns den eigenen Fragen erst gar nicht stellen. Ein Dozent an der Uni sagte mir einmal: „Wenn Sie in der Bibel mehr als drei Verse lesen und Ihnen kommt nicht irgendeine Frage in den Sinn, dann lesen Sie noch einmal genauer!“

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Von einer bedeutungslos werdenden Volkskirche zur „Kirche mit anderen“

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Ein weitverbreitetes und beliebtes Deutungsmuster zur steigenden Bedeutungslosigkeit der Volkskirchen in unserem Land funktioniert ungefähr so:

„Immer weniger Menschen kommen in die Kirchen. Der Grund dafür ist allerdings nicht, dass das Volk nicht spirituell interessiert wäre. Ganz im Gegenteil: Wir leben in der Zeit des Post-Säkularismus. Die Menschen tragen einen ganzen Bauchladen voller spiritueller Fragen und Sehnsüchte mit sich herum. Nur sind ausgerechnet die Kirchen der letzte Ort, an dem sie diese Fragen stellen, da sie dort keine Antworten mehr erwarten.“

Weitverbreitet ist dieses Deutungsmuster interessanterweise gerade innerhalb der kirchlichen Landschaft. Und zwar vermutlich deshalb, weil es in einer Zeit, die stattdessen auch depressiv machen könnte, einen gerade noch erträglichen Mix aus angeblich realistischer Gegenwartsanalyse bei immerhin noch vorhandener Zukunftsperspektive bietet: Zwar hat die Kirche bisher an den Leuten vorbeigeredet, weil sie Antworten auf Fragen gegeben kann, die so gar nicht gestellt worden waren. Aber nun, da dieses Problem erkannt ist, hat sie die Möglichkeit, sich als ehemaliger Monopolist auf dem Feld der Sinnsuche den heute aktuellen spirituellen Fragen der Menschen zuzuwenden und ihre Deutungshoheit im Hinblick auf die wirklich wichtigen Themen des Lebens zurückzugewinnen.

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Zehn Apps, die mir gefallen

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Ich bin immer ganz dankbar, wenn ich von anderen auf sinnvolle Apps hingewiesen werde, die den Arbeitsalltag erleichtern, Kreativität fördern oder einfach nur Spaß machen. Deshalb heute mal 10 Apps, die mir gefallen (die Hälfte davon sind kostenfrei). Vielleicht ist was für Euch dabei. Die Links führen jeweils in den App Store – teilweise gibts die Apps aber auch für Android.

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Gute Worte

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Morgen feiern wir hier Konfirmation. Ich liebe Konfirmationen.

Ich liebe es, wenn die ersten Konfis morgens todschick angezogen eintrudeln. Ich liebe den Moment, wenn wir mit der ganzen Gruppe und den Teamern vor dem Einzug im Gemeindehaus im Kreis stehen. Ich liebe den Moment, wenn die Glocken verklingen, die Orgel einsetzt, die Gemeinde aufsteht und wir alle feierlich einziehen. Ich liebe es, wenn die Kirche rappelvoll ist. Ich liebe es, wenn das Video vom letzten Jahr läuft. Ich liebe es, an diesem Tag zu predigen. Ich liebe den Moment, wenn wir alle zusammen das ganz eigene Glaubensbekenntnis sprechen. Ich liebe es, jedem einzelnen Gottes Segen zusprechen zu dürfen.

Und ich liebe den Moment, wenn ich die „guten Worte“ sagen und überreichen darf.

Damit hat es Folgendes auf sich: In jedem Jahr nehmen wir uns in der letzten Einheit, die das Thema „Freundschaft“ hat, ganz viel Zeit. Ungefähr eine ganze Stunde. In dieser Zeit läuft schön Musik und jeder nimmt sich so viele Zettel wie es Konfis und Teamer gibt. Und dann schreiben wir auf, was wir an dem anderen mögen. Was sie oder er gut kann. Warum der andere liebenswert ist. Bei manchen aus der Gruppe geht das ganz schnell und ein Zettel reicht gar nicht aus. Bei anderen müssen wir etwas länger überlegen, aber dann fällt einem doch etwas ein. Und so entsteht für jede und jeden ein ganzes Paket an liebevollen, guten Worten.

Wenn ich diese Worte für jeden zusammenbinde, dann berührt mich das immer sehr. Dieses Jahr besonders. In diesem Jahr sind es besonders schöne Worte. Sie sind sehr bewusst gewählt. Es ist wenig Leichtfertiges dabei. Aus ihnen spricht Lebensfreude genauso wie durchlittener Schmerz. Und die ganze Gruppe hat sich ganz viel Mühe gegeben, für jeden Einzelnen aus der Gruppe gute Worte zu finden:

„Du kannst andere begeistern.“ „Wenn du den Raum betrittst, geht die Sonne auf.“ „Du hast ein schönes Lachen.“ „Mit dir kann man über alles reden.“ „Du sorgst für gute Stimmung.“ „Du hast eine tolle Ausstrahlung.“ „Ich mag deine Haare.“ „Du bist sehr feinfühlig.“ „Du bist so kreativ.“ „Du hast ein großes Herz.“

Ich kann nur sagen, dass ich das mit 14 Jahren so nicht gekonnt habe – anderen so gut sagen zu können, was sie mir bedeuten. Mein Eindruck ist, dass diese Generation an Jugendlichen, die jetzt konfirmiert werden, auch über die sozialen Medien gelernt hat, anderen Komplimente zu machen, sich gegenseitig zu bestärken und mit Worten und Emoticons eigene Gefühle auszudrücken. Das ist echt ein Geschenk für die Welt, das ihr das so könnt.

Ich übe mich darin, indem ich beim Überreichen dieser vielen guten Worte dann jedem von Euch sage, was ich in euch sehe und warum ihr besonders seid.

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Ab wann ist man Christ?

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Viele Menschen glauben nicht an einen persönlichen Gott, der sie behütet oder bestraft. Sie können aber etwas Unsichtbares annehmen, das ihnen bei einer Geburt oder in der Natur begegnet. Etwas, auf das sie keinen Einfluss haben, das aber hinter oder in allem wohnt.

Christen sagen: Dieses „Unsichtbare“ hat sich Menschen gezeigt. Es hat auch gesagt, wie es heißt. Zum Beispiel erzählen sich Christen von einem Wüstenbusch, der brennt und nicht verbrennt. In diesem Flammenbusch hat es gesagt, wie es heißt: „Ich bin da“. Das ist auch nicht so richtig konkret. Aber es hatte offenbar eine Stimme. Es hat auch noch mehr gesagt: „Ich führe euch.“ Zum Beispiel heraus aus einem Leben, wo man nichts zu sagen hat hinein in ein Leben, in dem man mitreden darf.

Die sowas hörten, haben vor ca 4000 Jahren gelebt. Sie wohnten etwa da, wo heute Israel ist. In diese Menge von Leuten (das jüdische Volk) ist dann später Jesus Christus hineingeboren worden. Der hat das Unsichtbare „Vater“ genannt, sogar „seinen“ Vater. Das haben ihm die religiösen Führer übel genommen, und der Rest ist bekannt.

So weit so gut.

Es kann sein, dass man sich als spirituell neugieriger Mensch ähnlich wie diese Leute damals entwickelt: Erst ist diese andere unsichtbare Gegenwart überall und hat keinen Namen. Später fasst sie dich vielleicht an und sagt: Hier bin ich. Zum Beispiel, wenn du jemanden triffst, der dich liebt. Oder wenn du dein eigenes frisch geborenes Kind im Arm hältst. Oder irgendwo auf dem Bahnhof. Oder in einer Gottesgeschichte aus der Bibel. Manchmal spürt man diese andere Gegenwart wie ein DU. Man kann z.B. am Meer stehen und hören, wie es spricht. Kann sein, dass es sagt: „Ich bin immer schon da – und du nur heute. Aus mir kommst du.“ Oder sowas. Manche nennen das Gott.

Damit nun nicht immer alle rätseln, wie dies Andere aussieht und wo es wohnt, hat Jesus gesagt: „Wenn ihr mich seht, seht ihr Gott. Wenn ihr seht, wie ich mit Menschen umgehe, seht ihr Gott. Und wenn ihr seht, wie ich mit leide an dem, was falsch läuft, dann seht ihr Gott, wie er mit leidet. Und wenn ich gestorben bin, seht ihr mich nicht mehr. Aber ihr könnt mich nun immer in Menschen entdecken, die auch Schmerzen haben. Oder die ihr Leben lieben und sich nicht zufrieden geben mit schlechten Versprechungen. Oder die kämpfen, wenn Leute keine Arbeit kriegen. In denen lebe ich und in allen anderen auch. Z.B. in deiner Aldi- Kassiererin. Und in dir.“

Damit hat Jesus auch gesagt: „Gott hat ein Gesicht, nämlich zunächst meins. Und wenn Ihr das merkt und glaubt, dann seid ihr meine Geschwister. Und da Geschwister sich ähneln, kann man Gott auf meinem und auf Eurem Gesicht sehen.“

Man kann also glauben, dass das Unsichtbare überall ist und sagt ‚Ich bin da‘. Man muss nicht glauben, dass Gott einen Bart hat und am Lenkrad sitzt, denn so einen Gott gibts wahrscheinlich gar nicht. Und man kann gleichzeitig glauben, dass Gott in Jesus Christus zu sehen war und jetzt auch in allen Menschen. Wer das glaubt, ist Christ.

Nur: damit ist man noch ein bißchen für sich allein – so eine Art Single-Christ. Damit man merkt, dass man (christliche) Geschwister hat, sucht man sie am besten. Dann kann man sie kennenlernen. Das geht überall – am leichtesten in der Kirche. Da findet man welche. Will man sie noch näher kennenlernen, spricht man mit ihnen. Tut man das länger, dann merkt man Ähnlichkeiten und Unterschiede wie bei den eigenen Geschwistern auch. Und man gehört immer mehr dazu, je länger man miteinander redet.

Wer in diese Familie ganz rein will, lässt sich dann irgendwann taufen. Da sagt man: Ja, ich gehör zu diesen Christen, die vom ‚Ich-Bin-Da‘ abstammen und Jesus als Bruder haben. Viele Eltern entscheiden das für ihre Kleinen, so wie sie die Schule wählen und den Wohnort. Dann sind die Kinder kleine Christenmenschen. Aber was das bedeutet, das müssen sie später selber rausfinden, z.B. im Konfirmanden-Unterricht. Andere Eltern lassen es ihre Kinder selbst entscheiden. In der Taufe und später immer wieder sagt dann das Unsichtbare zu dir: „Du bist mein liebes Kind, an dir habe ich meine Freude.“. Das hat es auch zu Jesus gesagt, als der sich hat taufen lassen. Das heißt, man wird Christ durch eine äußere Entscheidung und durch eine innere. Dann hat man Christengeschwister. Viele und weltweit.

Thomas Hirsch-Hüffel

 

Bild: Colin, Flickr Creative Commons License, Ausschnitt

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Glaubensbekenntnisse

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In jedem Jahr schreiben unsere Konfis am Ende des Kurses auf, wie sie Gott beschreiben würden, wer für sie Jesus Christus ist, warum für sie die Kirche wichtig ist und wie sie sich den Himmel vorstellen. Aus ihren Antworten entsteht dann ein Text, den wir gemeinsam bei der Konfirmation als Gruppe sprechen, wobei jede und jeder die Freiheit hat, entweder alles mitzusprechen oder auch Teile auszulassen. Schließlich ist von jedem etwas dabei, aber vielleicht entspricht mir auch nicht jeder Satz. Ich bin in jedem Jahr neu beeindruckt und gerührt von den Bildern und Worten, die die Jugendlichen finden. Hier ist der Text der Gruppe, die jetzt im Mai konfirmiert wird (und dann füge ich auch noch die Texte der vergangenen Jahre an, weil sie so schön sind):

Glaubensbekenntnis 2015

Gott ist alles. Er ist in allem und jedem. Gott ist vielfältig. Er ist immer da. Er kennt meine Fehler, aber liebt mich trotzdem. Er hält nichts von Vorurteilen. Gott fühlt mit mir. Er hat Humor und ist warmherzig, aber manchmal auch ernst und streng. Er ist heilig.
Jesus ist der Sohn von Maria. Und von Gott. Er ist der Hirte der Christen. Er ist ein Bruder und ein treuer Freund. Jesus lacht. Er möchte die Welt zum besten Ort machen. Dafür hat er sein Leben geopfert. Und uns zu einer Gemeinschaft verbunden. Jesus kann gut heilen. Er hat gezeigt, was wirklich wichtig ist.
In der Kirche ist jeder willkommen. Hier singt man tolle Lieder und hat Spaß. In ihr bin ich näher an Gott dran. Hier kann ich beten. Die Kirche ist ein Zuhause für mich. Etwas, an dem ich mich festhalten kann, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Sie gibt mir Hoffnung. Die Kirche erinnert mich an Dinge, die ich sonst vergessen würde.
Der Himmel ist eigentlich unbeschreiblich. Es gibt dort Farben, die wir noch nie gesehen haben. Man kann ihn beschreiben wie ein rettendes Land. In ihm finde ich die Freiheit. Es ist ein Ort ohne Gewalt. Der Himmel ist das Schönste, was es gibt.