Artikelformat

Von der Gnade

4 Kommentare

Man kann nicht von der Verletzlichkeit sprechen, ohne von der Gnade zu sprechen. Oder zumindest ich kann es nicht. Ich kann auch nicht vom Scheitern sprechen, ohne von der Gnade zu sprechen.

Das wurde mir neulich in einem Gespräch mit einer Freundin deutlich. Ich hatte davon erzählt, dass ich das Gefühl habe, in einem bestimmten Bereich meines Lebens an meinen eigenen Wünschen und Ansprüchen gescheitert zu sein. Auf den Begriff „scheitern“ reagierte sie sehr entschieden und wollte dies (auch für mich) nicht gelten lassen. Ich war selbst zunächst überrascht über diese Reaktion. Im weiteren Gespräch habe ich sie besser verstehen können – für sie hatte der Begriff etwas Verurteilendes.

Zugleich habe ich gemerkt, dass das für mich nicht so ist. Irgendwie lebe ich mit dem Gefühl, gewollt und geliebt zu sein auf dieser Welt. Ich bin ziemlich dankbar, dass das bei mir so ist. Ich habe nämlich den Eindruck, dass das ein Geschenk ist und ich hab gar nicht selbst so viel dazu beigetragen, dass ich mit diesem Grundgefühl leben darf. Ich wünschte, viele Menschen könnten das so empfinden und ich leide oft mit ihnen, wenn es nicht so ist. Ich wünschte auch, dieses Grundgefühl sei ansteckend, aber nicht immer ist das der Fall.

Gnade ist Liebe. Ihre sanfte Schwester.
Sie macht mir klar, dass ich endlich bin.
Sie hilft mir, in meine Begrenztheit einzuwilligen.
Sie liebt mich in meinen Niederlagen.
Sie erinnert mich täglich daran,
dass ich mich nicht selbst retten muss.
Sie erlaubt mir, ein bedürftiges Wesen zu sein.

Gnade ist Geschenk.
Lateinisch gratia.
Ich verdanke mein Leben nicht mir selbst.
„Alles, was ich weiß, weiß ich von einem andern“
(Herman van Veen).
Alles, was ich bin und habe und den Namen,
den ich trage, verdanke ich anderen.

Gnade ist Gabe.
Griechisch charis. Begabung.
Etwas, das ich mir nicht nur mit Fleiß und Preis erklären kann.
Was Gabe ist, kann ich nicht kaufen.

Gnade ist Freispruch.
Das Recht, nochmal ein anderer Mensch werden zu dürfen.
Nicht für immer festgelegt zu werden –
auf die Vergangenheit, auf das, was ich getan habe
und mir antun ließ.
Christina Brudereck

Ich selbst nenne den Ursprung dieser Liebe Gott. Im Laufe der Zeit habe ich auch Menschen kennengelernt, die andere Worte und Namen finden. In dem Zeichen- und Symbolsystem und in der Erzählgemeinschaft, in der ich groß geworden bin, ist Gott ein guter Name. Für mich ist er auch ein schöner Name. Andere Menschen leben in anderen Kulturen, Sprachen und Systemen. Ich persönlich habe auch noch keine schönere Weise gefunden, von der Gnade zu sprechen als die Geschichte Gottes mit unserer Welt und im speziellen die Geschichten von Jesus Christus immer und immer wieder zu erzählen und selbst darauf zu hören. Wer in diese Geschichte eintaucht und Teil von ihr wird, kann aus meiner Sicht gar nicht auf den Gedanken kommen, dass Religion etwas ist, das die persönliche Freiheit von mir und anderen einschränkt. Etwas, das alternative Vorstellungen über die Welt oder uns Menschen verurteilt. Oder in irgendeiner anderen Weise andere Menschen runterputzt, weil sie z.B. sexuell verkehrt gepolt sind, die falsche Partei wählen, Gott mit einem anderen Namen ansprechen als ich oder andere ähnlich absurde Dinge.

Gnade macht tolerant.
Ihr Ja zur Endlichkeit befreit uns von dem Zwang
allein selig machend sein zu müssen.
Sie macht Dich demütig vor den Gebeten der anderen.
Vor den Liedern und Traditionen der anderen.

Gnade ist eine Kraft. Sie wirkt.
Sie ist die Gegenbewegung zum Zynismus!
Zu Optimierung, Effizienz, Profit.
Christina Brudereck

Wynton Marsalis ist einer der populärsten Jazz-Musiker unserer Zeit und vielleicht der größte Jazz-Trompeter aller Zeiten. An einem Abend spielt er mit einer kleinen, wenig bekannten Combo in einem New Yorker Keller-Club. Er hat schon einige Songs seines Sets hinter sich, als er auf der Bühne ganz nach vorne tritt und ein Solo der 30er-Jahre-Ballade “I don’t stand a ghost of a chance with you” beginnt. Das Publikum ist wie gebannt von den Tönen, die die ganze Verzweiflung des Liedes ausdrücken – jede einzelne Note aus der Trompete pressend und ganz eins mit dem Schmerz der Musik. Die Spannung im Raum ist greifbar, als Marsalis zur letzten Zeile des Liedes gelangt – jeden Ton langsamer und langsamer spielend, mit immer länger werdenden Pausen.

In diesem Moment klingelt ein Handy. Ein absurder nerviger Klingelton. Im Publikum macht sich Gemurmel und Gekicher breit. Der Mann mit dem Smartphone stürmt mit hochrotem Kopf und dem Handy in der Hand aus dem Raum und die Magie des Augenblicks ist verflogen.

Doch Marsalis beginnt erneut zu spielen. Und zwar den Klingelton. Note für Note, immer wieder mit verschiedenen Akzentuierungen. Er spielt regelrecht mit der Melodie, entwickelt eine kleine Rhapsodie aus der Tonfolge, wechselt die Tonarten. Das Publikum kommt wieder zur Ruhe und wird gewahr, dass hier etwas Außerordentliches passiert. Mehrere Minuten zaubert Marsalis mit der Melodie und verwandelt eine alberne Tonfolge in ein Kunstwerk – um dieses schließlich wieder zur letzten Zeile des begonnenen Liedes zurückzuführen: “…. with …. you.”

Gnade ist Solidarität.
Hebräisch chesed.
Das Extra der Güte. Großzügige Nachsicht.
Wenn jemand mehr tut, als er muss.
Ohne zu klagen. Ohne Rechnung. Ohne Verpflichtung.
Der Busfahrer, der wartet.
Die Lehrerin, die Geduld hat.
Die Zeugin, die mich entlastet.
Gnade ist trotzige Treue.
Christina Brudereck

Vor einiger Zeit haben wir Gottesdienst gefeiert. Mit einer Förderschule für Kinder mit Behinderungen. Rappelvolle Kirche. Liebevolle Atmosphäre. Einige der Kinder gestalten den Gottesdienst mit. Für das Fürbittengebet haben sie sich Bitten überlegt, die sie am Lesepult stehend mit uns beten.

Zur letzten Bitte tritt ein Junge ans Pult, der zum Sprechen ansetzt. Aber er kommt nicht über die erste Silbe hinaus. Dann verschlägt es ihm die Sprache. Immer und immer wieder versucht er es, aber es will nicht gelingen. Man spürt, wie die ganze Gottesdienstgemeinde mit ihm mitfühlt und sich in diesem Augenblick nichts mehr wünscht, als dass es ihm gelingen möge, seine Worte zu sagen. Der Lehrer, der neben ihm steht, flüstert ihm diese Worte noch einmal zu. Aber das hilft ihm nicht. Er weiß die Worte ja, aber ihm fehlt die Stimme. Er sucht mit seinen Augen nach Hilfe.

Und dann tritt der Lehrer direkt neben ihn. Und legt ihm seine Hand auf die Schulter. Ein kurzer vertrauensvoller Blick zwischen den beiden. Und dann versucht der Junge es noch einmal. Und die Worte fließen. Und die ganze Gemeinde bricht noch vor dem „Amen“ in tosenden Applaus aus.

Gnade ist Grazie.
Sie verleiht Dir Anmut.
Sie macht Dich zur Schenkerin.
Sie macht das Herz weich und weit.
Gnade bedeutet: Ehe wir schön sind, findet uns jemand schön.
Christina Brudereck

4 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Danke lieber Simon für diese wundervollen und wahren Worte. Sie haben mein Herz berührt und mit Dankbarkeit erfüllt… ein Geschenk, das ich jeden Tag aufs Neue entdecken und auspacken darf.

    Antworten

  2. Toller Text, danke!
    Gibt es den Text von Christine Brudereck auch irgendwo komplett zum Nachlesen? Das wäre spannend, da ich gerade das Zusammenwirken der beiden Teile sehr gelungen finde

    Antworten

  3. Lieber Simon de Vries,
    wirklich eine wunderbare Gottesrede. „In dem Zeichen- und Symbolsystem…“ dieser Satz hat mich (neben vielen anderen) besonders gefreut und aufatmen lassen und befreit. Er ist so selbstverständlich und so selten von zu hören…
    Danke dafür und einen gnadenvollen Tag!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Sabine Brodowski Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.