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Ein neuer Lebensabschnitt beginnt – was mich in den letzten 15 Jahren geprägt hat

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Es war gegen Ende meines Studiums vor ca. 14 Jahren und ich weiß nicht mehr genau, wie es kam, aber ich bekam zum ersten Mal ein Buch von Brian McLaren in die Hand. Im Nachhinein ist es mir ein Rätsel, warum ich mitten in der Examensvorbereitung steckend nach acht Stunden täglich abends noch freiwillig irgendetwas gelesen habe, aber das war zu einer Zeit, als es noch kein Netflix gab. Und es war zu einer Zeit, in der Buchtitel, die den Wortumfang eines beliebigen Nebensatzes in Karl Barths Kirchlicher Dogmatik nicht unterschritten, noch irgendwie cool waren. Der Titel von McLarens Buch lautete: „A Generous Orthodoxy: Why I am a missional, evangelical, post/protestant, liberal/conservative, biblical, charismatic/contemplative, fundamentalist/calvinist, anabaptist/anglican, incarnational, depressed-yet-hopeful, emergent, unfinished Christian“.

Ich verschlang das Buch. Denn das war meine Geschichte.

Aufgewachsen in einer Pastorenfamilie, in der ich mein Kinderzimmer-Hochbett regelmäßig für fromme Künstler wie Siegfried Fietz großzügig zur Verfügung stellte und in der zugleich Anti-Atomkraft-Schals getragen und das Enneagramm gelesen wurde, war ich im Laufe meiner bis dahin 26 Jahre zum Teil zufällig und zum Teil gewollt in verschiedenste christliche Traditionen hineingestolpert bzw. hatte diese bewusst aufgesucht: Angefangen von meinem Jugendkreis, der sich an die Konfirmation anschloss und sich irgendwann als zum Verband „Entschieden für Christus“ zugehörig herausstellte, als mir jemand mit 15 eine Mitgliedschaftserklärung unter diese Nase hielt; über die Erfahrung in einer US-amerikanischen Pfingstkirche während eines Schüleraustausches; über das Studium in Bethel und Heidelberg; die mehrjährige Mitgliedschaft in einer Freien Evangelischen Gemeinde; Besuche in Taize; Kontakte zu Benediktinern und Freundschaften zu Baptisten, Buddhisten, Jesus-Freaks, Muslimen und Agnostikern. Unterwegs mit all diesen Menschen und an all diesen Orten hatte ich Neues gelernt, war ich fantastischen Leuten begegnet und hatte sich mein Glaube und Leben weiterentwickelt. Manches stand aber noch merkwürdig unverbunden nebeneinander.

Mit dem Lesen von McLarens Buch tat sich für mich eine neue Welt auf. Auf einmal fanden Dinge zusammen, die mir gleichermaßen wichtig waren: Der Einsatz für die Schöpfung UND für andere Menschen. Das Diakonische UND das Missionarische. Die Bedeutung des Körpers UND der Seele. Das Politische UND das Spirituelle.

In meiner Erinnerung begann für mich mit diesem Buch eine innerliche Reise, die damals auch äußerlich mit einem zweiten Amerikaaufenthalt mit vielen wichtigen Erfahrungen zusammenfiel und seitdem anhält. Das für mich vermutlich wichtigste Netzwerk ist seitdem das Emergent-Netzwerk gewesen – für mich ein ökumenischer Gesprächsraum, ein kreatives Experimentierlabor, ein Ort für geistliche Weggemeinschaft und Freundschaft. Vielleicht weniger vordergründig in meiner doch eher klassischen Gemeindearbeit als Pastor, aber ganz bestimmt in den Tiefenschichten meines Denkens und Glaubens über Gott, diese Welt, ihre Menschen und die Kirche hat mich der Austausch dort sehr geprägt.

Seitdem sind andere Begriffe, Ideen, Netzwerke hinzugekommen, die für mich eine wichtige Bedeutung für meine Sehnsucht von Kirche haben: Kirche2 ist so eine Bewegung, in der ich auf viele Menschen getroffen bin, die mit ähnlichen Fragestellungen und Träumen unterwegs sind. Ich hoffe sehr, dass es mit dem Netzwerk weitergeht. FreshX ist ein Begriff aus der anglikanischen Kirche, der neue Gestaltungsformen von Kirche beschreibt, die zum Teil anders aussehen oder einen anderen vibe haben als unsere klassischen Bilder von Kirche.

Und vor allem aber waren für mich wichtig die vielen Begegnungen mit Menschen in Nordhorn, die sich als glaubend oder nicht-glaubend beschreiben; die schon für etwas brennen oder denen man das (noch) nicht so ansieht; die nach etwas suchen oder schon gefunden zu haben meinen; die das Leben lieben und/oder zugleich am Leben leiden; die etwas für unsere Stadt wollen und denen diese Welt nicht egal ist; die Gott „Allah“ nennen oder „mein Erlöser“ oder „Weltengrund“. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen hinterlässt Spuren. Und so haben auch diese Begegnungen mich nachhaltig geprägt als Christ, als Pastor, aber vor allem einfach als Mensch.

Und nach 10 Jahren in Nordhorn und in diesem Beruf beginnt nun mit dem neuen Jahr etwas Neues und Aufregendes. Aber weil dieser Beitrag schon länger ist als alles, was heutzutage bis zum Ende gelesen wird, setze ich später noch einmal neu an in einem neuen Post.

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Ein ganz normales Wochenende

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„Eigentlich ein ganz normales Wochenende.“ dachte ich gestern, als Annette und ich traditionell nach dem Zu-Bett-Bringen der Kinder und noch vor dem Tatort kurz die zurückliegenden Tage reflektierten und die kommende Woche in den Blick nahmen. Ein ganz normales Wochenende. Mit verschiedenen Aktivitäten inklusive zwei Gottesdiensten. „Bist du kaputt?“ „Ja, schon müde. Aber nicht ausgelaugt“, dachte ich.

Und dann wurde mir bewusst, dass das Wochenende alles andere als normal war. Und das sich die Dinge verändern. In unserer Gemeinde. In meiner Rolle als Pastor. In meinem Leben. Zwei Dinge wurden mir bewusst, für die ich dankbar bin.