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Leben. Liebe. Kirche.

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Die letzte Woche habe ich an zwei sehr unterschiedlichen Orten verbracht. Mit unterschiedlich vielen Menschen. Und unterschiedlichem Komfort. Zum einen auf einem Festivalgelände in der Nähe von Cuxhaven. Zum anderen im katholischen bischöflichen Priesterseminar zu Hildesheim.

Spontan aufm #deichbrand #traumwetter #deichbrand2017

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Deichbrand

Schon vorher hatte ich damit geliebäugelt, da ich an meinem letzten Urlaubswochenende noch nicht viele Pläne gemacht hatte. Dann hatten Bekannte von mir auf einmal eine Karte fürs Deichbrand-Festival übrig und der vom Ticket Zurückgetretene wollte noch nicht einmal einen Cent dafür haben. Tja, da hab ich deutlich kürzer überlegt als die UEFA-Verantwortlichen gestern Abend für die Absage des EM-Viertelfinals und bin spontan mitgefahren. Jeder, der einmal dort oder an anderen vergleichbaren Orten war, weiß: Festivals sind Orte voller Leben, voller Liebe und voller Alkohol. Aber eben vor allem voller Leben. Auch Orte, an denen man sich einmal nicht gesellschaftskonform, kundenfreundlich, den Erwartungen entsprechend oder obrigkeitshörig verhalten muss. Irgendwie entrückte Orte. Eine andere Welt.

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Ein Tag im BAMF

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Heute war ich zum ersten Mal im „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“. Konkret: In seiner Außenstelle in Bramsche. Diese Erfahrung und die Geschichte von Lamaj (deren Name ich geändert habe) möchte ich gerne mit euch teilen. Und gleichzeitig noch meine Gedanken und Empfindungen zu diesem Tag etwas sortieren.

Lamaj hat mich gebeten, sie als sog. „Beistand“ zu begleiten. Ihre Geschichte ist ungefähr die Folgende: Im Libanon in einer vergleichsweise weltoffenen Familie aufgewachsen, kommt sie nach dem Tod ihrer Eltern zu einem anderen Teil der Familie, wird dort zu einem streng muslimischem Leben als Frau gezwungen und widersetzt sich diesem wiederholt. Sie verschwindet, ihre Familie findet sie und holt sie zurück. Dies führt zu dauernden Konflikten und auch zu Gewalt ihr gegenüber mit Schlägen bis zur Bewusstlosigkeit und einem Krankenhausaufenthalt. Als sie ankündigt, Christin werden zu wollen, wird ihr mit dem Tod gedroht. Eine Anzeige bei der Polizei wird nach Auftauchen des tätlich gewordenen Familienmitglieds vor ihren Augen zerrissen – er hat Beziehungen und Geld. Sie dagegen hat einen Job bei einer NGO. Sie ist nicht mittellos, aber sie kann es im Libanon nicht mehr aushalten und fürchtet um ihr Leben. Während eines Urlaubs in Frankreich entscheidet sie spontan, nie wieder zurückzukehren und beginnt ganz allein und nun doch mittellos ein neues Leben als Flüchtling, nachdem sie noch kurz zuvor indirekt für selbige gearbeitet hatte.

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Einmalig

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Heute denken wir an die Toten. Jeder Mensch ist einmalig.

Einer von denen, die im letzten Jahr gestorben sind, hat damals die Briten ausgetrickst.
Ein anderer hat nach der Wende erfahren, dass seine besten Freunde ihn bespitzelt hatten.

Eine ist immer ohne Geld zum Einkaufen gegangen – „erstmal nur gucken“.
Ein anderer hatte ein eigenes Eisfach – nur für sein Eis.
Und eine war oft stundenlang im Imbiss, weil es da so schön war.
Viele haben gerne gelebt.

Eine hat immer montags geputzt, denn am Dienstag kam ja die Putzfrau.
Eine andere war ihr Leben lang immer überall fremd.
Und noch eine andere konnte mit 86 Jahren noch ihre Füße mit den Fingerspitzen berühren.

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Erziehungswissenschaften für Fortgeschrittene

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Der Klassiker: Kleiner Junge beim Friseur und keinerlei Ambitionen, sich die Haare schneiden zu lassen. Schon während die große Schwester an der Reihe ist, deutet sich das nachfolgende Drama an.

Als seine Zeit gekommen ist, wechseln sich Phasen des lauthalsen Geschreis mit Fluchtversuchen aus dem Laden und kurzen Momenten, in denen sich eine Kooperation anzudeuten scheint, die dann aber doch jeweils aus verschiedenen Gründen nicht zustande kommt. Von Vorteil (für den Jungen) auch, dass der Friseursalon eine Runde bietet, so dass die ihn verfolgende Mutter jeweils nur auf einige Meter an ihn rankommt, bevor beide die Richtung wechseln. Versprechungen von ihrer Seite („Du bekommst zu Hause ein neues Spielzeug!“), nützen genauso wenig wie Drohungen („Ich gehe jetzt mit deiner Schwester ein Eis essen und du bleibst hier!“).

Von dieser letztgenannten Perspektive wenig begeistert schaltet sich nun auch die haarschneidende Belegschaft ins Geschehen ein und greift ganz tief in die psychologische Trickkiste: „Wenn du dir nicht die Haare schneiden lässt, dann siehst du bald aus wie ein Mädchen!“ Auch dieses Horror-Szenario zeigt aber keine Wirkung.

Nach einer gefühlten Ewigkeit dann der Durchbruch. Zum letzten Mittel greifend stößt die schweißgebadete Mutter mit einem Ton der Verzweiflung aus: „Wenn du jetzt mitmachst, dann fahren wir zusammen gleich in die Waschstraße.“ Mit einem Blick, der sagt: „Warum nicht gleich so?“, sitzt der Knabe augenblicklich auf seinem Stuhl.

(Bild: Andreas, Flickr Creative Commons, Ausschnitt)

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Lass dich fallen

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Lass Dich fallen.
Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen
und verteile sie überall in Deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue Dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen,
schaukle so hoch Du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen,
verweigere Dich, verantwortlich zu sein – tu es aus Liebe!
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell Dir vor, Du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu.
öffne Dich. Tauche ein. Sei frei. Preise Dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in Dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

(Joseph Beuys)

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Kein Eimer ohne Deckel bei IKEA

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An der IKEA-Kasse:

Kassiererin: „Sie haben den Deckel von dem Mülleimer vergessen!“
Ich: „Nein, ich habe ihn nicht vergessen, sondern ich brauche den Deckel nicht.“
Kassiererin: „Sie müssen aber einen Deckel mitnehmen.“
Ich: „Ich brauche allerdings gar keinen.“
Kassiererin: „Sie müssen trotzdem einen nehmen. Sonst liegt einer zu viel im Regal.“
Ich: „Ich muss jetzt also zurück durch den ganzen Laden, mir einen Deckel holen, ihn mit nach Hause nehmen und ihn da in den neuen Mülleimer (ohne Deckel) schmeißen?“
Kassiererin: „Ja, genau.“
Ich: „Kann ich ihn auch gleich hier in Ihren Mülleimer werfen?“
Kassiererin: „Selbstverständlich. Der ist gleich hier um die Ecke.“
Ich: „Das ist ja ein tolles Angebot.“
Kassiererin (mit einem Anflug zum Selbstironie): „Sie können ihn auch gleich mir geben, wenn Sie ihn geholt haben, und ich bringe ihn um die Ecke.“
Ich: „Das ist ja fantastisch.“

Als ich ihr dann fünf Minuten später den Deckel vorbeigebracht habe, hat sie sich mit einem derart breiten Grinsen bedankt und gefreut, als hätte ihr mindestens einen HotDog spendiert. Inklusive Softdrink.

(Bild: Gerard Stolk, Flickr Creative Commons, Ausschnitt)

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122 gute Dinge

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[1] Ein neues Detail in einer altbekannten biblischen Geschichte entdecken.
[2] Ein liebevolles Kompliment von der eigenen Mutter bekommen.
[3] Die erwartungsvolle Stille am Morgen.
[4] Es auch mal bei drei guten Dingen belassen können, wenn einem nix viertes einfällt.
[5] Ein Doppelkopf-Abend mit Freunden. Und gewinnen.
[6] Frühnebel.
[7| Musik von Gisbert zu Knyphausen am Samstagmorgen.
[8] Vorfreude auf die Bundesliga-Live-Konferenz.
[9] HDTV, hbbtv und LED anstelle von Röhrenfernsehen.
[10] Zu Silvester einen Neffen bekommen, ihn kurz nach Mitternacht erstmalig sehen und am Neujahrsmorgen in den Armen halten.
[11] Mit allen im Auto aus vollem Hals die Musik mitsingen.
[12] Die Einschulung der eigenen Tochter.

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Von der Gnade

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Man kann nicht von der Verletzlichkeit sprechen, ohne von der Gnade zu sprechen. Oder zumindest ich kann es nicht. Ich kann auch nicht vom Scheitern sprechen, ohne von der Gnade zu sprechen.

Das wurde mir neulich in einem Gespräch mit einer Freundin deutlich. Ich hatte davon erzählt, dass ich das Gefühl habe, in einem bestimmten Bereich meines Lebens an meinen eigenen Wünschen und Ansprüchen gescheitert zu sein. Auf den Begriff „scheitern“ reagierte sie sehr entschieden und wollte dies (auch für mich) nicht gelten lassen. Ich war selbst zunächst überrascht über diese Reaktion. Im weiteren Gespräch habe ich sie besser verstehen können – für sie hatte der Begriff etwas Verurteilendes.

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Von der Verletzlichkeit

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In den letzten 10 Tagen hat mich ein Thema an drei verschiedenen Orten begleitet – zu Hause in Nordhorn, in England bei der Northumbria Community und schließlich in Niederhöchstadt auf dem Emergent Forum. Manches von dem, was ich nun hier aufschreiben kann, habe ich sicher auch vorher schon erahnt oder intuitiv gelebt – jetzt wird mir aber klarer, warum es mir so wichtig ist für das Zusammenleben mit anderen Menschen. Es geht um die Verletzlichkeit.

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Sonne. Und Regen. Und Sonne. Mein Pfingsten.

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Vor gut einem Jahr haben wir es zum ersten Mal versucht. Ich hatte Leute, die sich zum Teil gar nicht kennen, an unseren Küchentisch eingeladen. Und wir haben uns gegenseitig Lieder und Texte geschenkt – mit ihnen viel Persönliches, Geschichten aus den Leben. Zwischen diesem ersten Treffen und dem zweiten lag eine lange Zeit. In etwas veränderter Besetzung dann aber gestern Runde Nummer zwei. Thema war „Sonne. Und Regen. Und Sonne.“

Ich habe den anderen von meiner Woche erzählt. Von den Freuden der Konfirmation. Und vom Schmerz bei der Beerdigung unserer Kindergartenleiterin. Sie fehlt sehr. Auf ihrer Beerdigung hatte ich ein Lied gesungen über die Kraft, die manchmal fehlt. Und darüber, dass jemand anders für uns stark sein kann, wenn wir es nicht sind. Das Lied hat mich im ganzen letzten Jahr begleitet. In den letzten Tagen noch einmal besonders.

Gestern habe ich es dann noch einmal geteilt (so ähnlich wie im Video hätte es klingen können, wenn du Gitarre gespielt hättest, Bobby).

Nawras, der seit fast zwei Jahren in Nordhorn lebt, hat uns ein Preview seines sehr beeindruckenden Films „Nordhorn – City of Love“ gezeigt. Er hat ihn gedreht aus Dankbarkeit für das, was er hier in der Stadt an Gastfreundschaft erlebt hat. Ich freue mich schon sehr darauf, ihn auch bald mit euch teilen zu können, aber er ist noch nicht ganz fertig. Wir haben darüber gesprochen, wie es nicht nur Teufelskreisläufe in der Welt geben kann, sondern auch Segenskreisläufe in Gang gesetzt werden können. Wir haben beeindruckende eigene Texte von Regen und Sonne, von Schmerzen und neuem Vertrauen ins Leben gehört. Bobby und Sanna haben uns mit hinein genommen in die Geschichte des Lebens und Sterbens vom Musiker und Komponisten Louis Ignatius Gall, den die beiden bis zum letzten Atemzug begleitet haben und dessen Geschichte ihr euch hier anschauen könnt. Er hatte vor seinem Tod noch ein fröhliches Stück für den Sohn von Bobby und Sanna komponiert (der unsere Runde gestern komplettierte), das wir nach jüdischer Trauermusik hören durften.

Jede und jeder kam irgendwie mit der eigenen Geschichte vor. Selbstverständlich haben wir auch noch bis kurz vor Mitternacht die großen weltpolitischen und religiösen Themen beackert (und weitesgehend geklärt). Aber was mich auch am Morgen danach noch begleitet, ist, dass es gelingen kann, dass ganz unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Ländern (in dem Fall Schottland, Syrien, Niederlande, Deutschland und sogar Ostfriesland!) mit unterschiedlichen Hintergründen (jüdisch, christlich, agnostisch und kommunistisch) sich wirklich von Mensch zu Mensch begegnen, wenn sie eigenen Schmerz und eigenes Glück behutsam miteinander teilen.

Manche mögen behaupten, es wäre der Wein gewesen. Den gab es auch. Aber nicht so viel, als dass es als hinreichende Begründung gelten könnte. Für mich war es Pfingsten.