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Kein Eimer ohne Deckel bei IKEA

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An der IKEA-Kasse:

Kassiererin: „Sie haben den Deckel von dem Mülleimer vergessen!“
Ich: „Nein, ich habe ihn nicht vergessen, sondern ich brauche den Deckel nicht.“
Kassiererin: „Sie müssen aber einen Deckel mitnehmen.“
Ich: „Ich brauche allerdings gar keinen.“
Kassiererin: „Sie müssen trotzdem einen nehmen. Sonst liegt einer zu viel im Regal.“
Ich: „Ich muss jetzt also zurück durch den ganzen Laden, mir einen Deckel holen, ihn mit nach Hause nehmen und ihn da in den neuen Mülleimer (ohne Deckel) schmeißen?“
Kassiererin: „Ja, genau.“
Ich: „Kann ich ihn auch gleich hier in Ihren Mülleimer werfen?“
Kassiererin: „Selbstverständlich. Der ist gleich hier um die Ecke.“
Ich: „Das ist ja ein tolles Angebot.“
Kassiererin (mit einem Anflug zum Selbstironie): „Sie können ihn auch gleich mir geben, wenn Sie ihn geholt haben, und ich bringe ihn um die Ecke.“
Ich: „Das ist ja fantastisch.“

Als ich ihr dann fünf Minuten später den Deckel vorbeigebracht habe, hat sie sich mit einem derart breiten Grinsen bedankt und gefreut, als hätte ihr mindestens einen HotDog spendiert. Inklusive Softdrink.

(Bild: Gerard Stolk, Flickr Creative Commons, Ausschnitt)

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122 gute Dinge

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[1] Ein neues Detail in einer altbekannten biblischen Geschichte entdecken.
[2] Ein liebevolles Kompliment von der eigenen Mutter bekommen.
[3] Die erwartungsvolle Stille am Morgen.
[4] Es auch mal bei drei guten Dingen belassen können, wenn einem nix viertes einfällt.
[5] Ein Doppelkopf-Abend mit Freunden. Und gewinnen.
[6] Frühnebel.
[7| Musik von Gisbert zu Knyphausen am Samstagmorgen.
[8] Vorfreude auf die Bundesliga-Live-Konferenz.
[9] HDTV, hbbtv und LED anstelle von Röhrenfernsehen.
[10] Zu Silvester einen Neffen bekommen, ihn kurz nach Mitternacht erstmalig sehen und am Neujahrsmorgen in den Armen halten.
[11] Mit allen im Auto aus vollem Hals die Musik mitsingen.
[12] Die Einschulung der eigenen Tochter.
[13] Einen Gottesdienst auf dem Camp erleben, den nur die Kinder für uns Große gestaltet haben.
[14] Alle meine Konfis beim Bowlen schlagen.
[15] Leichtathletik-WM gucken.
[16] Die Insel Texel.
[17] Der Effekt der Multiplikation, wenn Menschen zusammen kommen, die einfach nur Gutes tun wollen.
[18] Das Licht im September.
[19] Unser erstes baptistisch-lutherisch-reformiert-katholisches Tauffest der Welt (behaupten wir zumindest) im Vechtesee.
[20] Beim vierten Krimi-Dinner-Versuch endlich die Mörderin einmal richtig identifizieren.
[21] Urlaub.
[22] Aus Gemüse Tiere und Monster schnitzen für die Kinder.
[23] Adventlich dekorieren.
[24] Die Sonne.
[25] Schöne Worte – zum Beispiel: Habseligkeiten, naseweis, Luftikus, liebgewinnen.
[26] Mit jemandem vertraut sein.
[27] Menschen, die andere Menschen groß und nicht klein machen.
[28] Bei den „Werwölfen von Düsterwald“ von meinen Teamern wenigstens eine Nacht am Leben gelassen werden.
[29] Amerikanischer College-Basketball im März.
[30] Die herrliche Luft nach einem Regen.
[31] Meine neue schöne warme Winterjacke.
[32] Ein verheißungsvolles Wort für die Zukunft von jemand zugesprochen bekommen.
[33] Videotext (der gute alte).
[34] Wenn die Heizung wieder geht.
[35] Kinder taufen.
[36] Whiskey.
[37] In den Sonnenaufgang hinein laufen.
[38] Feuerzangenbowle.
[39] Bodennebel (auf den Grafschafter Feldern in der Abenddämmerung von der Autobahn aus gesehen).
[40] Der Moment, wenn der Auto-Tacho von 99.999 auf 100.000 umspringt.
[41] Den Reformationstag in ökumenischer Gemeinschaft verbringen. Gut lutherisch mit Beten und Bier. Mindestens solange, bis Allerheiligen ist.
[42] Vegetarischer Brotaufstrich von IBI (Geschmacksvariante „hot“).
[43] Auf Lebens- und Glaubensgeschichten von anderen hören, die seelenverwandt sind. Die eine Sehnsucht teilen. Und die eigene Geschichte wieder ein wenig neu verstehen. Und eine Ahnung davon bekommen, wohin sie noch gehen könnte.
[44] Ein Ziel erreichen – wie z.B. die Zeit, die ich mir für die Nordhorner Meile vorgenommen hatte.
[45] Mohnblumen. Und Kornblumen. Bzw. Mohnblumen & Kornblumen zusammen.
[46] Einen Raum mit Menschen betreten und in der ersten Sekunde spüren, dass ein guter Geist herrscht.
[47] Eine funktionierende Mikrofonanlage.
[48] Das Geräusch, wenn der Basketball ohne Ringberührung durchs Netz fällt – am allerschönsten bei Outdoor-Körben mit Stahlnetz.
[49] Die alten Stadion-Namen (Volksparkstadion, Niedersachsenstadion, Westfalenstadion).
[50] Eine überraschende herzliche Umarmung.
[51] Kindergeburtstage.
[52] Wenn alle weg sind … nach [51].
[53] Ein gutes Argument. Und dann noch ein gutes Argument für die gegenteilige Position. Und dann mit der Spannung von zwei guten Argumenten leben.
[54] Schönes Webdesign.
[55] Das Nachhause-Geh-Gefühl am letzten Schultag vor den großen Ferien (mittelbar erlebt durch die eigenen Kinder).
[56] Etwas, das schon recht gut war, noch einmal ganz neu angehen und noch etwas besser machen.
[57] Etwas sehr Schönes über die eigene Tochter gesagt bekommen.
[58] Salzbrezeln mit Nutella.
[59] Langsam laufen können (übe ich noch).
[60] Landregen (für den Garten).
[61] Unverplante Zeit für Kreativität.
[62] Unser Magnolienbaum vor dem Haus.
[63] Eltern, die ganz wertschätzend und voller Liebe von ihren Kindern erzählen.
[64] Die Mischung aus frischem Hellgrün und Weiß und Dunkelgrün am Rande der Autobahn.
[65] Nach Hause kommen.
[66] Ein wertschätzendes Feedback, das mich weiterbringt und mir neue Möglichkeiten aufzeigt.
[67] Die Vögel, die morgens immer zwitschern.
[68] Die große Tüte „Stipp-und-Suppen-Zwieback“ von Brandt und die Spannung beim Aufmachen, ob Stücke mit Schoko und/oder Kokos dabei sind.
[69] Menschen, die von ihrem Glauben erzählen – und sei er noch so klein.
[70] Ein neues Lied lernen.
[71] Eine Aufgabe angehen, die man lange aufgeschoben hat, und dann feststellen, dass es nur fünf Minuten dauert, sie zu erledigen.
[72] Sich von der adventlichen Freude der Kinder anstecken lassen.
[73] Von lieben Menschen Kekse geschenkt bekommen.
[74] Salzgeschmack auf der Haut.
[75] Mit den Kindern beim Zu-Bett-Bringen kuscheln und dabei ihren Gedanken zum Leben lauschen.
[76] Brot und Wein (nicht nur im Kontext des Gottesdienstes).
[77] Etwas Schönes kaufen und sich daran freuen.
[78] Mandarinen (ohne Kerne; mit einigermaßen dicker Schale, so dass die nicht unter den Fingernägeln kleben bleibt; und innendrin aber auch noch nicht so schrumpelig)
[79] Das seltene Gefühl, mit einer eigenen (einige Jahre alten) Predigt noch ziemlich einverstanden zu sein.
[80] Die Clowns bei Roncalli.
[81] Den Tag auch mal vor dem Abend loben.
[82] Magnetknete.
[83] Menschen, die mit strahlenden Augen und brennendem Herzen von etwas erzählen, für das sie eine Leidenschaft im Leben haben.
[84] Frisch geschnittene Erdbeerstückchen im morgendlichen Müsli.
[85] Selbstgesteckte Ziele revidieren können.
[86] Der Duft von Sonnencreme.
[87] „Schlawiner“ (das Wort).
[88] Ein Gottesdienst mit „de Vries jun.“ und „de Vries sen.“ Zum ersten Mal in dieser Kombi.
[89] Rudelsingen.
[90] Aspirin Complex.
[91] Dropbox-Handy-App (wenn man in der letzten Liedstrophe vor der Taufe feststellt, dass man die kompletten Taufunterlagen zu Hause hat liegen lassen).
[92] Aspirin Complex (die doppelte Dosis).
[93] Der nette Mann, der gesehen hat, das ich zwei Tabletts trage und an der Tür gewartet hat, um sie mir aufzuhalten.
[94] Waffelduft (und dann Waffeln essen).
[95] Das freundliche Miteinander von Niederländern und Deutschen in unserer Stadt.
[96] Pattafix.
[97] Sekretärinnen, die aus dem Stand erraten können, welcher Termin gemeint sein könnte, wenn man selbst seit Wochen über einen merkwürdigen Eintrag mit dem nichtssagenden Titel „Neues Ereignis“ zu einer bestimmten Uhrzeit rätselt und hofft, es wäre nichts Wichtiges …
[98] Frühling (nicht der kalendarische).
[99] Mit bedrückten und niedergeschlagenen Gemeindegliedern gemeinsam beten und sich anschließend in die Augen schauen und wundersam gestärkt fühlen.
[100] Skandinavische Krimis.
[101] Muskelkater (als Selbstvergewisserung des Mal-Wieder-Sport-Gemacht-Habens).
[102] Sich selbst beschäftigende Kinder.
[103] Entwaffnende Ehrlichkeit.
[104] Die Augen schließen und jeden Sonnenstrahl einzeln genießen.
[105] Ironische Schlagabtausche mit Menschen, die den eigenen Humor teilen.
[106] Hosen, die wieder passen.
[107] Frisch geschnittene Ananas.
[108] Kürbissuppe.
[109] Die Sprache des anderen lernen.
[110] Poesievoller Glaube.
[111] Kühle Kirchen an heißen Tagen (im Prinzip sind mir an heißen Tagen alle kühlen Räume recht, aber weil ich Pastor bin, schreib ich halt „Kirchen“).
[112] Tage mit Champions-League-Spielen von Borussia Mönchengladbach (KV-Vorsitzender sorgt dann dafür, dass Sitzungen um 21 Uhr zuende sind).
[113] Kurzfristige Verschiebungen von Champions-League-Spielen von Borussia Mönchengladbach auf den Folgetag (zwei mal früh Feierabend).
[114] Geschwister (frommes, schönes Wort für Angehörige derselben Religionsgemeinschaft), die für einen, mit einem, anstelle von einem beten; denn manchmal kann man es nicht alleine.
[115] Einen guten Lehrer zu haben. Oder Lehrerin.
[116] Wenn dir ein Kind die gerade mit Rosenöl gesegnete Hand hinstreckt und sagt „Riech mal“.
[117] Ganz spontan jemandem eine Freude machen, die Freude des anderen sehen und sich dann selber freuen (= Segenskreislauf).
[118] Röstzwiebeln.
[119] Flummis.
[120] Ein Holzkreuz in der Hand von jemandem, der es gerade wirklich, wirklich braucht und sagt: „Das ist so wichtig. Dass Gott uns nicht vergisst.“
[121] An Silvester eine schlechte Gewohnheit anfangen (um dann übermorgen im jeweils eigenen sozialen Umfeld bekannt geben zu können, eine schlechte Gewohnheit im neuen Jahr ablegen zu wollen).
[122] Umgekehrter Gedanke, der [121] aber per se noch nicht ausschließt: Eine gute Gewohnheit schon jetzt beginnen (um dann übermorgen im schon oben genannten sozialen Umfeld damit anzugeben, ja sowieso schon gute Gewohnheiten zu pflegen und dafür gar nicht auf den kalendarischen Jahresanfang angewiesen zu sein).

 

Gnade
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Von der Gnade

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Man kann nicht von der Verletzlichkeit sprechen, ohne von der Gnade zu sprechen. Oder zumindest ich kann es nicht. Ich kann auch nicht vom Scheitern sprechen, ohne von der Gnade zu sprechen.

Das wurde mir neulich in einem Gespräch mit einer Freundin deutlich. Ich hatte davon erzählt, dass ich das Gefühl habe, in einem bestimmten Bereich meines Lebens an meinen eigenen Wünschen und Ansprüchen gescheitert zu sein. Auf den Begriff „scheitern“ reagierte sie sehr entschieden und wollte dies (auch für mich) nicht gelten lassen. Ich war selbst zunächst überrascht über diese Reaktion. Im weiteren Gespräch habe ich sie besser verstehen können – für sie hatte der Begriff etwas Verurteilendes.

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Von der Verletzlichkeit

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In den letzten 10 Tagen hat mich ein Thema an drei verschiedenen Orten begleitet – zu Hause in Nordhorn, in England bei der Northumbria Community und schließlich in Niederhöchstadt auf dem Emergent Forum. Manches von dem, was ich nun hier aufschreiben kann, habe ich sicher auch vorher schon erahnt oder intuitiv gelebt – jetzt wird mir aber klarer, warum es mir so wichtig ist für das Zusammenleben mit anderen Menschen. Es geht um die Verletzlichkeit.

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Sonne. Und Regen. Und Sonne. Mein Pfingsten.

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Vor gut einem Jahr haben wir es zum ersten Mal versucht. Ich hatte Leute, die sich zum Teil gar nicht kennen, an unseren Küchentisch eingeladen. Und wir haben uns gegenseitig Lieder und Texte geschenkt – mit ihnen viel Persönliches, Geschichten aus den Leben. Zwischen diesem ersten Treffen und dem zweiten lag eine lange Zeit. In etwas veränderter Besetzung dann aber gestern Runde Nummer zwei. Thema war „Sonne. Und Regen. Und Sonne.“

Ich habe den anderen von meiner Woche erzählt. Von den Freuden der Konfirmation. Und vom Schmerz bei der Beerdigung unserer Kindergartenleiterin. Sie fehlt sehr. Auf ihrer Beerdigung hatte ich ein Lied gesungen über die Kraft, die manchmal fehlt. Und darüber, dass jemand anders für uns stark sein kann, wenn wir es nicht sind. Das Lied hat mich im ganzen letzten Jahr begleitet. In den letzten Tagen noch einmal besonders.

Gestern habe ich es dann noch einmal geteilt (so ähnlich wie im Video hätte es klingen können, wenn du Gitarre gespielt hättest, Bobby).

Nawras, der seit fast zwei Jahren in Nordhorn lebt, hat uns ein Preview seines sehr beeindruckenden Films „Nordhorn – City of Love“ gezeigt. Er hat ihn gedreht aus Dankbarkeit für das, was er hier in der Stadt an Gastfreundschaft erlebt hat. Ich freue mich schon sehr darauf, ihn auch bald mit euch teilen zu können, aber er ist noch nicht ganz fertig. Wir haben darüber gesprochen, wie es nicht nur Teufelskreisläufe in der Welt geben kann, sondern auch Segenskreisläufe in Gang gesetzt werden können. Wir haben beeindruckende eigene Texte von Regen und Sonne, von Schmerzen und neuem Vertrauen ins Leben gehört. Bobby und Sanna haben uns mit hinein genommen in die Geschichte des Lebens und Sterbens vom Musiker und Komponisten Louis Ignatius Gall, den die beiden bis zum letzten Atemzug begleitet haben und dessen Geschichte ihr euch hier anschauen könnt. Er hatte vor seinem Tod noch ein fröhliches Stück für den Sohn von Bobby und Sanna komponiert (der unsere Runde gestern komplettierte), das wir nach jüdischer Trauermusik hören durften.

Jede und jeder kam irgendwie mit der eigenen Geschichte vor. Selbstverständlich haben wir auch noch bis kurz vor Mitternacht die großen weltpolitischen und religiösen Themen beackert (und weitesgehend geklärt). Aber was mich auch am Morgen danach noch begleitet, ist, dass es gelingen kann, dass ganz unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Ländern (in dem Fall Schottland, Syrien, Niederlande, Deutschland und sogar Ostfriesland!) mit unterschiedlichen Hintergründen (jüdisch, christlich, agnostisch und kommunistisch) sich wirklich von Mensch zu Mensch begegnen, wenn sie eigenen Schmerz und eigenes Glück behutsam miteinander teilen.

Manche mögen behaupten, es wäre der Wein gewesen. Den gab es auch. Aber nicht so viel, als dass es als hinreichende Begründung gelten könnte. Für mich war es Pfingsten.

Sonnenaufgang
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Ostern an Karfreitag

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Gestern haben wir erstmalig einen für mich ganz wunderbaren Frühgottesdienst „Vom Dunkel ins Licht“ gefeiert. Mit dem Aushalten der Dunkelheit, mit der Weitergabe des Lichts, in der Taufe eines Jugendlichen und im Abendmahl durften wir spüren, was Neuanfang bedeutet. Was wäre das Leben, wenn wir nicht neu beginnen könnten, wenn etwas zu Ende geht. Das ist auch für mich gerade wichtig.

Mein persönliches Ostern ereignete sich allerdings eigentlich schon am Karfreitag-Nachmittag. Schon seit einigen Tagen hatten wir ein Zimmer gesucht. Für einen Flüchtling aus Syrien, dessen große Familie schon einige Monate in Nordhorn lebt und der verständlicherweise auch hier bei ihnen sein wollte und nicht in einer anderen deutschen Stadt. Unsere Stadt wiederum hatte zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass es an irgendeinem Punkt Einschränkungen dafür gibt, wie viele Menschen in einer Wohnung mit einer bestimmten Fläche angemeldet sein dürfen. Und so brauchten wir vor allem eine neue Meldeadresse für ihn.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 06.35.03Nach einigem Suchen hatten wir dann am Karfreitag plötzlich zwei Optionen für Samih: Eine für drei Monate leer stehende Wohnung mitten in der Stadt, die der eigentliche Bewohner (obwohl unterwegs und nicht darauf vorbereitet) einem völlig Fremden voll Vertrauen überlassen hätte. Und ein kleines Zimmer in der Nähe unserer Kirche bei einer Familie, deren Tochter gerade ausgezogen und nur noch zeitweise zu Hause ist.

Und so kam es zu einem spontanen Treffen im Wohnzimmer von Andrea und Michael, zwei Engagierten unserer Gemeinde, und ihren Kindern, die unseren syrischen Neubürgern in Sachen Gastfreundschaft mal überhaupt nicht nachstehen. Und das muss ich euch kurz beschreiben, weil es so typisch und wunderbar ist: Im Wohnzimmer saßen Anke, eine unserer treuesten Mitarbeiterinnen beim Flüchtlingscafe „Open Door“. Dann Anas, der mit seinem Dankesbrief an das deutsche Volk im Dezember die Aufmerksamkeit aller nationalen Medien erhielt und der inzwischen bei Michael und Andrea mit im Haus wohnt. Außerdem Samiu, Marjola, Emi und Rajani aus Albanien – eine Familie, die vermutlich auch irgendwann bald abgeschoben wird, die aber in der Zwischenzeit nicht müde wird, anderen mit ihrer Fröhlichkeit und Herzlichkeit zu helfen. Samiu hatte an Weihnachten den meisten Text als einer der Weisen in unserem Krippenspiel, obwohl er nach ein paar Wochen in Deutschland quasi kein Deutsch sprach. Er hat dann einfach die Laute gelernt und dabei versucht zu verstehen, was er eigentlich sagt. Jetzt im März übersetzt er für uns zwischen Deutsch und Arabisch, was er als Albaner neben Englisch zufällig auch noch perfekt spricht. Und dann eben Samih aus Syrien mit seiner Cousine Reem und seinem Cousin Basel, drei Personen dieser herzlichen, dankbaren christlichen Familie aus Syrien. Andrea hatte wunderbar Pizza gebacken für alle. Die Kinder, die sich inzwischen gut kennen, spielten zusammen und ich versuchte, Samih mit der Hilfe von Samiu die beiden Optionen „Wohnung und Zimmer“ zu erklären. Samih fragte zurück und für ihn ging es nur um die Familie. Etwas verwundert erklärte ich noch einmal, dass es eine komplette Wohnung für ihn als 19-jährigen direkt im Stadtzentrum gäbe – ob er das verstanden habe? Samih sagte, er würde gerne die Familie kennenlernen. Michael neben mir grinste und sagte zu mir: „Mich wundert das nicht.“ Der Wunsch nach Integration und Kontakt und das Bestreben, möglichst schnell deutsch zu lernen, ist auch seiner Erfahrung nach in der Regel viel stärker als die Frage nach Platz, Luxus etc.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 06.38.06Weil wir gerade zusammen waren, rief ich die Familie an. Selbstverständlich gelte das Angebot noch, ich könnte sofort mit Samih vorbeikommen. Das taten wir und waren 5 Minuten später da. Ein herzliches Willkommen durch vier strahlende Gesichter und einen Hund. Besichtigung des kleinen Zimmers. Erste Kommunikationsversuche mit Händen und Füßen. Das Angebot, nicht nur das Zimmer nutzen zu dürfen, sondern Teil der Familie zu werden – inklusive Essen, Wäsche etc. Ein glücklicher Samih.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 06.33.50Es gibt größere Häuser in Nordhorn. Es gibt Familien, die in den letzten Jahren deutlich weniger an Krankheit und Leid und Schwierigkeit selbst durchgemacht haben und gerade durchmachen. Es gibt Menschen, die viel mehr an Geld und Besitz haben als diese Familie. Aber für sie war es einfach selbstverständlich zu helfen (da wussten sie noch gar nichts davon, dass die Stadt wahrscheinlich eine kleine Miete zahlt) mit dem, was sie anbieten können. Das hat mich sehr beeindruckt.

Bildschirmfoto 2016-03-25 um 16.57.14Gleich vorgestern ist Samih eingezogen. Für ihn ein Neuanfang. Für uns alle ein bisschen Ostern. Gemeinsam mit seiner neuen Gastmutter und seiner Familie war er dann auch bei der Osternacht dabei. Am Ende haben wir uns „Frohe Ostern“ gewünscht. Da ging gerade die Sonne auf.

 

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Das Kreuz mit dem Kreuz

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Der Gerichtspräsident des Amtsgerichts Saarbrücken hat Kreuze aus seinen Sitzungssälen entfernen lassen. Und sofort flammt die Debatte um das Kreuz im öffentlichen Raum wieder auf, die ja in den 90er Jahren besonders im Hinblick auf Klassenzimmer geführt wurden. Die einen argumentieren mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates, die anderen fürchten um den Untergang des christlichen Abendlandes und ziehen ihrerseits mit dem Kreuz im Gepäck in einen Kulturkampf. Und dabei kommt es zu einem für mich fast kuriosen Streit um die Deutungshoheit dieses Symbols.

Denn das Kreuz ist ja zunächst ein Symbol. Und Symbole sind bedeutungsoffen – oder zumindest bedeutungsreich. In jedem Fall ein religiöses Symbol wie das Kreuz. Denn im Unterschied z.B. zu einem Verkehrszeichen liegt die Deutung von einem Symbol wie dem Kreuz ja eben auch im Auge des Betrachters. Wäre ein Verkehrszeichen bedeutungsoffen, hätte es vermutlich ganz katastrophale Folgen. Beim Kreuz ist der Spielraum dessen, was man unter diesem Symbol verstehen kann, deutlich größer. Inwiefern auch in aktuellen Stellungnahmen von Christen-Menschen dem Kreuz ganz Unterschiedliches zugeschrieben wird, dazu unten mehr. Gerade im Hinblick auf religiöse Symbole lässt sich nachvollziehen, dass diese sich auch nicht rein rational interpretieren lassen, sondern immer auch einen Bedeutungsüberschuss in sich tragen, der sowohl kulturell gefärbt ist als auch für den einzelnen Betrachter oft emotional belegt ist. Vielleicht erklärt dies auch die Intensität der Debatte an manchen Stellen.

Netzwerk
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Kirche als soziales Netzwerk

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Überall wird zurzeit von Netzwerken gesprochen. Der Begriff ist als Schlüsselkategorie gesellschaftlicher Analyse allgegenwärtig. Er suggeriert Flexibilität, Modernität und Innovationskraft. Wenn man im Hinblick auf die Organisation und Institution Kirche von einem Netzwerk sprechen möchte, steht man damit unmittelbar im Verdacht, längst bekannte Strukturen und Kommunikationsmöglichkeiten lediglich neu etikettieren zu wollen. Dabei muss man allerdings beachten, dass auch „Institution“ und „Organisation“ soziologische Begriffskategorien sind, die Kirche immer nur unter bestimmten Aspekten in den Blick nehmen.

Im Kontext Kirche wird der Netzwerkbegriff sehr unterschiedlich verwendet: Manchmal einfach als unbestimmte Metapher z.B. in Anknüpfung an das biblische Bild vom Netz (Joh 21). Dann aber auch im Anschluss an soziologische Netzwerktheorien oder in Analogie zu Neurowissenschaften, dem Internet oder anderen netzwerkartigen Phänomenen. Der Begriff bietet ein vergleichsweise einfaches Bild, denn schließlich besteht ein Netzwerk lediglich aus Knoten und Verbindungen. Dies führt dazu, dass er ausgesprochen anschlussfähig ist, zugleich aber auch in der Gefahr steht, als Modewort unscharf zu werden. Trotzdem könnte er geeignet sein, das komplexe Gebilde Kirche zu versinnbildlichen.

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Kinder brauchen Grenzen?

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Jahrelang stand ein Buch mit diesem Titel in unserem Regal. Allerdings ohne das Fragezeichen. Ich kann mich gar nicht genau erinnern, ob ich es je gelesen habe. Aber der Titel wurde irgendwie unter der Hand zu einer Selbstverständlichkeit: Klar, Kinder brauchen Grenzen. Die Alternative – eine Erziehung ohne Regeln und klare Grenzen – erschien wenig sinnvoll. Und so meinte ich in den ersten Jahren als Vater meinen Kindern Gutes zu tun, indem ich möglichst konsequent, unnachgiebig und hart die Grenzlinien verteidigte, die ich vorher an mir irgendwie sinnvoll erscheinenden Stellen gezogen hatte.

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Zwei Briefe

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Heute war DER BRIEF in der Post. Im Briefkasten von Pellumb, Linditha und ihrer Tochter Arensa. Genau an dem Tag, an dem Linditha für ihr Bewerbungsgespräch üben wollte.

Arensa konnte schon nach kurzer Zeit deutsch. Inzwischen ist sie Klassenbeste. Jeder auf dem Schulhof kennt sie. Sie ist sehr beliebt. Sie lacht viel. Beim Krippenspiel wollte sie gerne mitmachen. Hat sogar einem anderen Flüchtlingskind geholfen, das gar kein Deutsch konnte. In sechs Wochen wurde sie von einer Nichtschwimmerin zur Freischwimmerin. Sie ist im Sportverein. Sie hat viele Freundinnen.