Sprache ist ein entscheidender Faktor im Kampf gegen Rassismus (auch dem Rassismus in uns). Sprache ist überhaupt ein entscheidender Faktor im Blick auf die Welt.

Die Gender-Debatte hat das deutlich gemacht. Der Satz „Der Arzt trat an das Bett des Patienten.“ wird bei den meisten von uns ein inneres Bild mit zwei männlichen Personen entstehen lassen. Vermutlich übrigens mit zwei weißen männlichen Personen. Deshalb bemühe ich mich, seit einiger Zeit das *-Sternchen zu verwenden. Es ist der Versuch, alle Geschlechter sprachlich mitzudenken. Das Sternchen ist etwas holprig im Sprachbild und vielleicht gibt es schon jetzt oder irgendwann später bessere Lösungen, aber es ist allemal besser, als in männlich dominierten Weltbildern steckenzubleiben. Sprache verändert Denken.

In einem heute-journal-Gespräch zwischen Marietta Slomka und dem Kabarettisten Marius Jung sprachen die beiden unlängst über den Mangel an brauchbaren Worten, die uns zur Verfügung stehen. So gibt es zum Beispiel kein gutes deutsches Pendant zu dem Begriff BiPoC (Black, Indigenous and People of Color). Jung betont, dass dieses Vokabel-Defizit überhaupt für Menschen gilt, die nicht „der Norm“ entsprechen. [kleines Experiment am Rande: wie hast du dir Marius Jung gerade, falls du ihn noch nicht kanntest, optisch vorgestellt?]

Einen Tag zuvor hatte M. Slomka in ihrer Moderation den Begriff „Rassenunruhen“ im Hinblick auf die USA verwendet (genauso wie übrigens auch viele andere durchaus auch dem linken Spektrum zugerechneten Medien). Während in den USA der Begriff „race“ stark sozial konnotiert ist, verwenden wir ihn im Deutschen vor allem biologistisch. Er suggeriert insofern etwas, was es nachweislich nicht gibt. In vorbildlicher Weise thematisierte Slomka dies dann in der Folgesendung selbstkritisch und zeigte so, dass auch sensibilisierte Menschen (wie viele von uns) immer wieder in alte Sprachmuster verfallen.

Anderes Beispiel: „Fremdenfeindlichkeit“ wird oft als Synonym für Rassismus verwendet. Problem dabei: Wir machen Menschen, die oft seit Generationen in Deutschland leben, sprachlich zu Fremden. Oftmals haben wir gesetzlich schon längst die Voraussetzungen für Gleichbehandlung geschaffen, aber Sprache hält Ungerechtigkeit am Leben.

Sprache macht auch Dinge sichtbar. Marina Weisband schreibt: „Rassismus funktioniert – genau wie andere Unterdrückungsstrukturen – dadurch, dass er für Unbetroffene unsichtbar ist. Um ihn aufzulösen, müssen wir ihn sichtbar machen und über ihn sprechen. […] Ich höre oft: „Man weiß ja gar nicht, was man heute noch sagen darf.“ Dazu Folgendes: Wenn du nicht weißt, was du sagen darfst, um deine Mitmenschen nicht zu verletzen, dann hast du sie nicht gefragt. Du hast nicht mit ihnen gesprochen. Und wir müssen sprechen.“

Ganz ehrlich: Ich bin auch oft unsicher, welche Worte ich nehmen soll. Ich möchte niemanden verletzen, ich bin noch vergleichsweise neu in diesem ganzen Feld und ich möchte natürlich vor allem nicht rassistisch wirken. Was ich mir immer wieder selbst gerade sage: Diese Verunsicherung ist zunächst etwas Gutes und Notwendiges. Sie sensibilisiert mich. Sie bricht Verkrustungen auf und macht offen für neue Denkmuster. Bei aller Gewalt, die Menschen (auch sprachlich) erlitten haben, ist meine eigene temporäre Verunsicherung das deutlich kleinere Problem. Und ich kann ja tatsächlich einfach mein Gegenüber auch fragen, welche Worte hilfreich und nicht rassistisch sind.

Wirklichkeit verändert sich, wenn sich Sprache verändert. Deshalb übe ich mich darin und versuche, seit einiger Zeit, auch im Redefluss „Kolleg*innen“ und nicht „Kollegen“ zu sagen (mit so einer Mini-Pause vor dem „i“) oder LGBTQ oder BiPoC. Manchmal verhaspele ich mich dabei oder ich bringe die Buchstaben durcheinander. Das macht nichts. Wir sind alle Lernende. Das darf man auch merken.


[Die Gedanken zu diesem Post stammen vor allem aus dem Alles-Gesagt-Zeit-Online-Podcast mit Alice Hasters (hier vor allem so zwischen Minute 20 und 55, aber die ganzen sechseinhalb Stunden sind lohnenswert) und dem Beitrag „Uns fehlen die Worte“ von Marina Weisband im Deutschlandfunk.]

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe über Rassismus. Hier findest du die anderen Beiträge:

Teil 1: Zuhören als Grundvoraussetzung
Teil 2
: Doch nicht in Deutschland!
Teil 3: Geschichte ist nicht obsolet
Teil 4: White Privilege
Teil 5: Happyland
Teil 6: White fragility
Teil 7: Mikroaggressionen