Ich habe Mathe noch nicht einmal als Prüfungsfach im Abi gehabt und komme schon an meine Grenzen, wenn ich meiner Tochter bei den Hausaufgaben über die Schulter schaue. Aber um zu erkennen, dass Kirche in der Interpretation mancher Zahlen so grobe Schnitzer macht, dass es schlichtweg falsch wird, dafür reicht es selbst bei mir noch. An zwei populären Beispielen möchte ich versuchen, dies deutlich zu machen.

Es geht aus meiner Sicht dabei nicht um Zahlenklauberei, sondern um zum Teil tendenziöse Exegese von Statistiken, die die Zahlen schlichtweg nicht hergeben. In der Folge macht dies dann leider auch die daraus gezogenen Schlüsse zumindest fragwürdig. Mich würde es vermutlich auch nicht stören, wenn es irgendjemand wäre, der die Zahlen so liest, wie es gerade Freude macht, aber da dies gerade durch unser kirchliches Spitzenpersonal passiert, will ich es doch einmal kommentieren.

Beispiel 1: Gottesdienstbesucher online und offline

Aktueller Anlass ist die durchaus interessante Studie „Digitale Verkündigungsformate während der Corona –Krise“, die von der EKD in Auftrag gegeben wurde. In kürzester Zeit wurde dort eine Erhebung vorgenommen, die vielleicht keine ganz überraschenden, aber doch aufschlussreiche Ergebnisse liefert. Es sei auch gleich vorausgeschickt, dass die Studie selbst die Aussagekraft ihres Zahlenmaterial an der hier betrachteten Stelle selbst einschränkt. Ob man dann in der Folge überhaupt so eine nichts-sagende Zahl wie die der „Steigerung der Gottesdienstbesucher um 287 %“ nennen muss, sei einmal dahingestellt.

Was hat die Studie in den teilnehmenden Gemeinden abgefragt? Zum einen die Zahlen eines durchschnittlichen Gottesdienstbesuchs an einem „normalen Sonntag“ in Gemeinde xy und zum anderen die durchschnittliche Reichweite der Gottesdienst-Videoangebote in derselben Gemeinde. Diese beiden Werte werden sodann von allen teilnehmenden Gemeinden aufaddiert und in ein prozentuales Verhältnis zueinander gesetzt.

Es gibt an dieser Vorgehensweise so viele Probleme, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Das erste ist der Beobachtungszeitraum: Während für den analogen Gottesdienst ein „normaler Sonntag“ (ich nehme an: kein Festtag, keine Taufen, keine KiTa-Vorführung) herangezogen werden soll, ist auf der anderen Seite die laut Kanzlerin seit dem 2. Weltkrieg größte gesellschaftliche Krisensituation, in die mitten hinein auch noch eins der größten christlichen Feste fällt, im Blick.

Des weiteren werden tatsächliche GottesdienstbesucherInnen (die ja in der Regel bis zu 60 Minuten in der Kirche verharren und eigentlich nur bei Kombination von außergewöhnlich schlechter Performance des kirchlichen Personals und zugleich einer großen Portion Selbstbewusstsein vorzeitig den Kirchraum verlassen) hier mit – ja, was eigentlich? – verglichen. Reichweite – also vermutlich YouTube-Views und facebook-Video-Aufrufe. Allein die beiden Letzteren kann aber schon gar nicht direkt vergleichen, weil die Zählweise zum einen unterschiedlich (ständiger Konkurrenzkampf um Views zwischen google und facebook), zum anderen gar nicht transparent ist. Relativ sicher kann man aber zum Beispiel sagen, dass bei facebook z.B. auch automatisch abgepielte Videos (die der Nutzer ggf. überhaupt nicht sehen will) mitgezählt werden. Ab fünf Sekunden sollte bei beiden Diensten der Zähler umspringen. Wer sich einmal mit Hilfe von Analysetools vor Augen geführt hat, wie lange z.B. die durchschnittliche Verweildauer bei beliebigen Videos ist, ist im Übrigen ziemlich schnell ernüchtert.

Wer also Gottesdienstbesucher mit Views vergleichen möchte, müsste aus meiner Sicht auch mindestens zwei Gruppen Menschen mitzählen: Zum einen diejenigen Großstadttouristen, die am Sonntagmorgen durch die Innenstadt laufen und nur schauen wollen, ob die Kirche offen ist, und dann erschreckt ob der darin stattfindenden merkwürdigen Rituale einer kleinen Schar nach nur fünf Sekunden die Kirche wieder verlassen. Zum anderen diejenigen, die nur draußen an der Kirche vorbeilaufen und dabei kurz die Orgelmusik wahrgenommen haben.

Ich hab einmal versuchsweise unsere Steigerungsrate nach dieser Logik nur für den Ostersonntag ausgerechnet: Sie beträgt sage und schreibe 2117 % (da fehlt kein Komma!). Was sagt uns diese Zahl? Leider gar nichts. Genauso wenig wie die Aussage von Heinrich Bedford-Strohm, die Anzahl der GottesdienstbesucherInnen hätte sich während Corona fast verdreifacht. Die Wahrheit ist: Wir haben einfach (noch) keine genauen Analysen und selbst wenn wir sie hätten, bleiben Vergleiche problematisch.

Beispiel 2: Margot Käßmanns Bundesliga-Vergleich

Auch der immer wieder zitierte Vergleich der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann ist und bleibt schief. Sie sagt: „Immerhin gehen jeden Sonntag noch rund fünf Millionen Menschen in Gottesdienste, aber nur 700.000 in die Bundesliga-Stadien.

Ich habe die Zahlen nicht überprüft, aber schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Wie kann man denn vermutlich zigtausende Gottesdienst-Veranstaltungen in unserem Land in Beziehung setzen zu 9 (!) Bundesliga-Spielen. Ein sinnvoller Vergleich wären dann doch eher die neun bestbesuchten Gottesdienste an einem beliebigen Sonntag mit den neun Bundesligaspielen. Oder aber man nimmt als Vergleichswert stattdessen alle in Deutschland stattfindenden Spiele der Kreisklasse, Kreisliga usw. gegenüber unseren Gottesdiensten in den Dörfern und Städten. In beiden Vergleichen würde Kirche vermutlich eine haushohe Niederlage einstecken müssen.   

Folgerungen

Mir geht es nicht um die Anliegen von Heinrich Bedford-Strohm und Margot Käßmann. Die teile ich in beiden Fällen: Ich freue mich über die große Aufmerksamkeit in den letzten Monaten hinsichtlich unserer digitalen Angebote. Ich habe selbst an verschiedenen Stellen auch darüber geschrieben, dass nicht nur die Zahlen, sondern auch die Art der Rückmeldungen ganz viel Hoffnung macht. Mit Margot Käßmann würde ich mich auch über mehr Berichterstattung über kirchliche Themen und Veranstaltungen freuen (in letzter Zeit war sie allerdings meiner Wahrnehmung nach eher disproportional hoch als tief). Das alles rechtfertigt aus meiner Sicht aber nicht einen so laxen Umgang mit Zahlen, der an diesen Stellen nicht nur zu schiefen Vergleichen, sondern auch zu unsachgemäßen Folgerungen führen kann. Aus meiner Sicht erweist das der Sache gerade keinen (oder höchstens einen Bären-) Dienst.