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Über den Wahrheitsanspruch der Religionen, persönliche Grenzen und Schottys Anbieterwechsel

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In der Regel ist es ja so: Nach dem Gottesdienst stehst Du als Pastor an der Kirchentür, schüttelst den Besucherinnen und Besuchern mit deiner zuvor desinfizierten Hand die ihre – während du zeitgleich Konfi-Pässe signierst – und wünschst allen einen gesegneten Sonntag. Die meisten bedanken sich für den schönen Gottesdienst, wünschen dasselbe und gehen mehr oder minder zufrieden ihrer Wege. Manchmal kommt es vor, dass Einzelne Dir sagen, dass die jeweilige Predigt ganz besonders gut in ihre Situation gepasst habe oder Ihnen das Gesagte einen guten Anstoss gegeben habe. An einzelne Predigten kann ich mich erinnern, die noch über Tage und Wochen Reaktionen hervorgerufen haben, aber die sind auch fast an einer Hand abzählbar.

So ein unterschiedliches Spektrum an Reaktionen wie gestern nach dem Gottesdienst habe ich selten erlebt: Von vielen nachdenklichen und leicht irritieren Gesichtern und dem oft gehörten Ausspruch „ich muss das alles erst noch sacken lassen“ bis hin zu großer Dankbarkeit. Von offenem Widerspruch und Einzelnen, die den Gottesdienst sogar vorzeitig verlassen hatten, bis hin zu überschwenglicher Begeisterung war alles dabei. Manches davon bezog sich auf den gesamten Gottesdienst, anderes auf die Predigt. Für diejenigen, die nicht dabei waren: Wir haben zum zweiten Mal einen Film-Gottesdienst am Abend veranstaltet – dieses mal mit der Folge „Anbieterwechsel“ aus der Serie „Der Tatortreiniger“. Die Episode greift die Frage nach den Religionen und dem Wahrheitsanspruch derselben auf. Ich hab mich über die Vielfalt an Reaktionen gefreut, weil es zum einen ja ganz viel Zuspruch zu Format und Inhalt gab, aber ich auch selbst Widerspruch viel interessanter finde als Indifferenz. Weil einige nachgefragt haben, stelle ich das gestern (ungefähr so) Gesagte gerne auch noch einmal hier zum Nachlesen ein:

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Von einer bedeutungslos werdenden Volkskirche zur „Kirche mit anderen“

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Ein weitverbreitetes und beliebtes Deutungsmuster zur steigenden Bedeutungslosigkeit der Volkskirchen in unserem Land funktioniert ungefähr so:

„Immer weniger Menschen kommen in die Kirchen. Der Grund dafür ist allerdings nicht, dass das Volk nicht spirituell interessiert wäre. Ganz im Gegenteil: Wir leben in der Zeit des Post-Säkularismus. Die Menschen tragen einen ganzen Bauchladen voller spiritueller Fragen und Sehnsüchte mit sich herum. Nur sind ausgerechnet die Kirchen der letzte Ort, an dem sie diese Fragen stellen, da sie dort keine Antworten mehr erwarten.“

Weitverbreitet ist dieses Deutungsmuster interessanterweise gerade innerhalb der kirchlichen Landschaft. Und zwar vermutlich deshalb, weil es in einer Zeit, die stattdessen auch depressiv machen könnte, einen gerade noch erträglichen Mix aus angeblich realistischer Gegenwartsanalyse bei immerhin noch vorhandener Zukunftsperspektive bietet: Zwar hat die Kirche bisher an den Leuten vorbeigeredet, weil sie Antworten auf Fragen gegeben kann, die so gar nicht gestellt worden waren. Aber nun, da dieses Problem erkannt ist, hat sie die Möglichkeit, sich als ehemaliger Monopolist auf dem Feld der Sinnsuche den heute aktuellen spirituellen Fragen der Menschen zuzuwenden und ihre Deutungshoheit im Hinblick auf die wirklich wichtigen Themen des Lebens zurückzugewinnen.