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Über den Wahrheitsanspruch der Religionen, persönliche Grenzen und Schottys Anbieterwechsel

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In der Regel ist es ja so: Nach dem Gottesdienst stehst Du als Pastor an der Kirchentür, schüttelst den Besucherinnen und Besuchern mit deiner zuvor desinfizierten Hand die ihre – während du zeitgleich Konfi-Pässe signierst – und wünschst allen einen gesegneten Sonntag. Die meisten bedanken sich für den schönen Gottesdienst, wünschen dasselbe und gehen mehr oder minder zufrieden ihrer Wege. Manchmal kommt es vor, dass Einzelne Dir sagen, dass die jeweilige Predigt ganz besonders gut in ihre Situation gepasst habe oder Ihnen das Gesagte einen guten Anstoss gegeben habe. An einzelne Predigten kann ich mich erinnern, die noch über Tage und Wochen Reaktionen hervorgerufen haben, aber die sind auch fast an einer Hand abzählbar.

So ein unterschiedliches Spektrum an Reaktionen wie gestern nach dem Gottesdienst habe ich selten erlebt: Von vielen nachdenklichen und leicht irritieren Gesichtern und dem oft gehörten Ausspruch „ich muss das alles erst noch sacken lassen“ bis hin zu großer Dankbarkeit. Von offenem Widerspruch und Einzelnen, die den Gottesdienst sogar vorzeitig verlassen hatten, bis hin zu überschwenglicher Begeisterung war alles dabei. Manches davon bezog sich auf den gesamten Gottesdienst, anderes auf die Predigt. Für diejenigen, die nicht dabei waren: Wir haben zum zweiten Mal einen Film-Gottesdienst am Abend veranstaltet – dieses mal mit der Folge „Anbieterwechsel“ aus der Serie „Der Tatortreiniger“. Die Episode greift die Frage nach den Religionen und dem Wahrheitsanspruch derselben auf. Ich hab mich über die Vielfalt an Reaktionen gefreut, weil es zum einen ja ganz viel Zuspruch zu Format und Inhalt gab, aber ich auch selbst Widerspruch viel interessanter finde als Indifferenz. Weil einige nachgefragt haben, stelle ich das gestern (ungefähr so) Gesagte gerne auch noch einmal hier zum Nachlesen ein:

Predigt am 19.01.2020 im Abendgottesdienst in der Kreuzkirche

Manchmal wird man ja gewollt oder ungewollt Zuhörer eines Dialogs zwischen zwei anderen Menschen, die sich über ein Thema unterhalten, zu dem ich mir selbst noch eine Meinung bilden möchte. Und dann hörst du die Eine reden und denkst so: „Ja, da hat sie eigentlich recht!“ Und dann hörst du den anderen und der sagt etwas ganz anderes und du denkst so: „Er hat aber irgendwie auch recht!“ Und dann geht das so die ganze Zeit hin und her. Und du kannst an den Argumenten von scheinbar widersprüchlichen Positionen jeweils etwas dir Einleuchtendes finden. So geht es mir hier mit den beiden, auch wenn meine Sympathien natürlich wie immer klar auf Seiten von Schotty sind. Ein großartiger Dialog.

Und die Fragen, die hier aufgeworfen werden, die sind so groß und wichtig, dass wir zunächst noch einmal bei ihnen bleiben. Ich würde mit Ihnen heute Abend einfach erst einmal gerne einige Stimmungsbilder machen. Und Ihre Aufgabe im Folgenden erschwere ich noch insofern, als dass ich jetzt einfach mal als Regel festlege, dass Sie sich jeweils für pro oder contra entscheiden müssen und Enthaltungen nicht gestattet sind.

Religion ist etwas, was man sich selbst aussucht.
(Reaktion: Minderheit der Gemeinde stimmt zu, die Mehrheit nicht)
Ich hab dieselbe Konfession wie meine Eltern.
(Reaktion: trifft auf die meisten zu)
Bei der Religion geht es vor allem um das, was nach dem Tod ist.
(Reaktion: Niemand stimmt zu.)
Jeder muss seine eigene Wahrheit finden.
(Reaktion: Ziemlich genau die Hälfte der Gemeinde stimmt zu.)

Mit diesen Fragen und der fehlenden Möglichkeit der Enthaltung hab ich es Ihnen jetzt wahrscheinlich nicht leicht gemacht. Mir selbst schon, weil ich ja nicht mit abgestimmt habe. Ich finde diese Fragen schwer. Und im Laufe meines Lebens hat sich für mich in der Beantwortung dieser Fragen auch manches verändert.

In meiner Jugend, da hatte ich ziemlich klare Vorstellungen. Ich war ein überzeugter Christ. Ich wusste ziemlich genau, was ich glaube. Und das hab ich für die Wahrheit gehalten. Andere Menschen mit anderen Meinungen und Glaubensvorstellungen habe ich dabei absolut respektiert und freundlich behandelt. Aber ich habe halt auch gesagt: „Naja, eins kann ja nur wahr sein. Und wenn ich recht hab, dann kannst du eigentlich nicht recht haben.“ Und aus heutiger Sicht würde ich sagen: Die Grenze dessen, was ich noch als richtig oder rechtgläubig durchgehen lassen konnte, war eher eng gezogen.  

Wie so oft ändern sich eigene Ansichten, wenn man Menschen kennenlernt. Meine eigenen Ansichten über Geflüchtete haben sich geändert, als ich Menschen kennengelernt habe, die Tausende von Kilometern hierher zu uns nach Deutschland gelaufen sind oder in Booten auf dem Mittelmeer gesessen haben. Meine eigenen Ansichten über Homosexualität haben sich geändert, weil ich lesbische Freundinnen und schwule Freunde gefunden habe, die mir erzählt haben, was sie selbst schon alles – auch unter Christen – erlebt haben und wie sie als Christen leben und glauben. Und meine eigenen Ansichten über die Konfessionen und Religionen haben sich immer wieder geändert, als ich Katholiken kennengelernt habe und Reformierte, Baptisten und Altreformierte, Orthodoxe und Pfingstler, Juden und Muslime, Buddhisten und viele mehr. Es ist nie verkehrt, Menschen kennenzulernen, die so ganz anders sind oder ganz anders denken und glauben als man selbst. Es weitet den Blick sehr.

Und ich kann für mich sagen: Es weitet nicht nur meinen Blick, sondern es weitet auch mein Herz. Grenzen verschieben sich.

Ich möchte Ihnen von einer Grenze, einem Zaun, erzählen, der im ländlichen Frankreich zur Zeit des zweiten Weltkriegs stand. Eine Einheit von amerikanischen Soldaten war dort unterwegs und während eines Kampfes starb einer der Soldaten. Seine Kameraden wollten ihn nicht einfach zurücklassen und entschlossen sich kurzerhand, ihm eine christliche Beerdigung zu verschaffen. Und sie erinnerten sich an eine Kirche nicht weit von der Front, die einen kleinen Friedhof direkt nebenan hatte. Sie erhielten Erlaubnis von ihrem Kommandanten, mit dem gefallenen Freund loszuziehen und erreichten den Friedhof kurz vor der Dämmerung. Um den Friedhof herum stand ein weißer Zaun. Sie klopften an die Tür eines Hauses, das neben dem Friedhof stand. Ein alter Priester öffnete die Tür. Sie schilderten ihm ihr Anliegen, ihrem Freund eine christliche Beerdigung verschaffen zu wollen. Obwohl er fast gar kein Englisch sprach, verstand der Priester offenbar, was sie sagen wollten und antwortete selbst in gebrochenem Englisch: „Es tut mir leid, aber wir können hier nur Personen unserer eigenen Konfession beerdigen.“

Die Soldaten waren schon so müde und ausgelaugt nach vielen Monaten des Kampfes, dass sie sich enttäuscht abwandten. Da rief der Priester ihnen nach: „Aber sie können ihn direkt außerhalb des Zaunes vergraben.“ Völlig erschöpft und verbittert beerdigten die Soldaten also ihren Kameraden außerhalb des Friedhofs und zogen durch die Nacht zurück zum Lager. Bevor die Einheit am nächsten Tag weiterzog, wollten die Freunde ihrem Kameraden noch ein letztes Mal ihre Ehre erweisen. Sie kamen zum Friedhof und konnten allerdings das Grab nicht wiederfinden. Erschöpft und verwirrt klopften sie beim Priester und fragten, ob er ihnen sagen könne, wo sie den Freund in der letzten Nacht begraben hätten. Und dann sahen sie, wie ein heimliches Lächeln über die Gesichtszüge des alten Priesters zog und er sagte: „Gestern Nacht konnte ich einfach nicht einschlafen. Also bin ich rausgegangen und habe den Zaun ein kleines Stück verrückt.“

Wenn das eigene Herz weit wird, dann werden zuweilen auch Zäune und Grenzen verrückt oder ganz eingerissen.

Was ist jetzt aber mit den knackigen Fragen vom Anfang? Geben wir die Frage nach der Wahrheit nicht völlig auf, wenn irgendwie alles gleich wahr ist? Und gibt es dann überhaupt noch einen guten Grund, weiterhin Christ zu sein?

Ich würde sagen: Ja.
Ich kann auch gar nicht anders als zu sagen: Ja.
Ich will ihnen auch sagen, warum.

Meinen Glauben an Gott habe ich nicht, weil ich alles sorgfältig abgewogen habe mit pro und contra – was jetzt dafür oder dagegen spricht, dass es EINEN Gott gibt oder MEHRERE oder gar KEINEN. Ich hab auch nicht die Religionen daraufhin verglichen, ob mir persönlich die eine mehr bringt als die andere. Ich bin auch nie in einer Vermittlungsagentur für religiöse Angelegenheiten gewesen. Sondern mein Glaube hat darin seinen Ursprung, dass ich spüre/glaube/weiß/erlebe, dass ich ein geliebtes Kind Gottes bin. Mein ganzes Leben hat da seinen Ursprung: Ich bin geliebt. In dieses Leben hineingeliebt. Diese Gewissheit ist ganz tief in mir drin. Unerschütterlich. Ich weiß: Ich bin geliebt. Und den Ursprung dieser Liebe, den nenne ich „Gott“. Ich bin Gottes Kind.

In dem Zeichen- und Symbolsystem und in der Erzählgemeinschaft, in der ich groß geworden bin, im Christentum, da nennen wir diese Liebe „Gott“. Für mich ist „Gott“ ein guter Name. Für mich ist er auch ein sehr schöner Name. Ich habe auch noch keine schönere Weise gefunden, in der diese Liebe eindrücklicher, wunderbarer, ergreifender zum Ausdruck kommt als in der Geschichte von Jesus Christus. Der Geschichte von einem Gott, der sich selbst so verletzlich und angreifbar macht, der sein Allerliebstes für die Menschen gibt. Der selbst Mensch wird. Diese Geschichte ist zugleich so verrückt, so fantastisch, so liebevoll, so unglaublich, dass ich sie vermutlich nie ganz begreifen werde. Aber ich merke, wie sehr sie mich ergriffen hat und dass ich ein Teil dieser Geschichte geworden bin.

Nun gibt es aber ja auch andere Menschen. Sie leben in anderen Kulturen, Sprachen und Symbolsystemen. Und sie nennen diesen Ursprung, diese Liebe vielleicht anders. Sie erzählen auch andere Geschichten als wir. Manchmal auch ähnliche. Sie gestalten ihr Leben vielleicht etwas anders oder beten anders als ich. Aber viele von ihnen verstehen sich auch als Schwestern und Brüder. Manche sogar als MEINE Schwestern und Brüder oder so wie ich auch als Kinder Gottes.

Und wer bin ich denn zu sagen, dass ICH ein Kind Gottes bin und SIE aber nicht? Möglicherweise ticken diese Schwestern und Brüder etwas anders als ich. Möglicherweise ist mir auch manches fremd. Aber das kann ja auch an mir liegen. Und vielleicht ist das, was sie wissen oder glauben oder leben ja sogar noch eine Bereicherung für mich? Mehr als einmal ist das so gewesen. Oder vielleicht sag ich nach der Begegnung mit ihnen auch: „Nein, so wie Du glaubst, so kann ich nicht glauben. Das bleibt mir auch nach unserer Begegnung fremd.“

Eines aber kann ich nicht mehr: Ganz enge Zäune ziehen. Denn wer in die Geschichte Jesu eintaucht; wer wirklich aus der Liebe Gottes lebt, der kann aus meiner Sicht gar nicht auf den Gedanken kommen, dass Religion etwas ist, das die persönliche Freiheit von mir und anderen einschränkt. Mein Glaube führt mich immer in die Weite und nicht in die Enge. Wer sich selbst geliebt weiß, der muss andere nicht mehr verurteilen, weil sie eine verkehrte Sexualität haben, die falsche Partei wählen oder Gott mit einem anderen Namen ansprechen als ich.

So spreche ich heute Anfang 2020 über diese schwierigen Fragen. Es ist eine Momentaufnahme. Vor zehn oder zwanzig Jahren habe ich anders geredet und in zehn oder zwanzig Jahren werde ich das vermutlich auch wieder tun. Die Suche nach der Wahrheit aber ist mir wichtig. Ich will sie nicht aufgeben. Ich weiß aber auch, dass ich die Wahrheit niemals besitzen kann. Ich kann ihrer nicht habhaft werden und dann sagen: „Ich habe die Wahrheit und du nicht.“ Beim Glauben geht es nicht darum, etwas zu haben oder nicht zu haben, sondern es geht um eine Beziehung. Ich bin ein Kind Gottes. Und viele andere sagen das von sich auch.

Manchmal ist es für uns dran, Mauern und Zäune ganz einzureißen. Manchmal ist es auch der erste Schritt, den eigenen Zaun ein kleines bisschen zu versetzen. So dass mein Bruder oder meine Schwester nicht mehr draußen ist. Das wünsche ich uns. Dass wir Zäune versetzen und unser Herz weit wird. Amen.

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  1. Ich bin gerade 58 Jahre alt geworden, habe 4, mehr oder weniger, erwachsene Söhne und es „geht mir gut“. Ich habe viel erlebt und gesehen, was mich zu meinem heutigen Glauben gebracht hat. Weil ich, gerade in ganz dunklen Stunden, das Gefühl hatte und habe: ich bin nicht allein. Gott ist bei mir, ich muss keine Angst haben, was kann mir passieren? Als mein jüngster Bruder vor 5 Jahren, im Alter von nur 49 Jahren, nach einem halben Jahr schwerster Krankheit verstorben ist und mein Vater nur 1,5 Jahre später an der gleichen Krankheit, habe ich erlebt, dass meine Mutter ihren Glauben an Gott verloren hat. Für sie „gibt es keinen Gott, der so etwas zulässt“. Mich hat es nicht in meinem Glauben erschüttert. Ganz im Gegenteil: wie oft habe ich in dieser Zeit mit Gott gesprochen und Stärke erhalten? – Ich arbeite an einer ev. Grundschule, an der es so viele unterschiedliche Nationalitäten und ethnische Gruppen von Kindern und Eltern gibt, unterschiedliche Religionen – jeden Tag lerne ich neue Dinge und das ist schön und aufregend. Eines habe ich aber für mich festgestellt: es gibt nur einen Gott, egal welchen Namen er trägt in den unterschiedlichen Religionen und Glaubensrichtungen. Für mich ist es der Gott der Größe, der Wärme, der Stärke, der Liebe. Und das macht mich stark und tolerant und offen. Liebe Grüße <3

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    • Danke fürs Teilen dieser sehr persönlichen schweren und schönen Dinge. Für mich ist das sehr schön zu hören, dass sie diese Liebe Gottes selbst durch die Schicksalsschläge hindurch spüren. Für Ihre Mutter muss es wirklich sehr schwer sein, ihren Sohn zu verlieren – ich weiß nicht, was ich tun oder glauben würde, würde meinen Kindern etwas passieren.

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  2. Lieber Simon,
    habe Deine Predigt zuerst nur quer lesen können. Spüre aber den Geist dahinter. Liebe, Barmherzigkeit und Weite. Das ist aus meiner Überzeugung eben auch der Geist des Evangeliums, wie Jesus den Menschen begegnet ist. Wir dürfen und können feste Standpunkte verlassen. Ich habe in meiner Zeit in Hamburg ältere Menschen kennenlernen dürfen, die aus dem Pietismus kommen, aber längst die genannten Grenzen überschritten und sich nie einengen lassen haben. Sie vermitteln mir Freihheit und Weite – das ist wohltuend und schön!

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      • Ich kriege das ganze Elend um Michael Diener, Gnadauer Verband, mit. Sehr schade. Es gibt eben doch Menschen, die im Gestern verhaftet sind und keine Veränderung zulassen wollen. Manche Menschen sind „Gefangene ihres eigenen Systems“, das ihnen Sicherheit gibt. Oftmals eher eine psychologische als theologische Frage…!

  3. Das ist wirklich, wirklich blöd. Ich schätze ihn sehr! Ich bin in diesen frommen Kreisen nicht mehr so drin, aber ahne von außen, was für ein Elend das ist. Tut mir auch sehr leid für den Verband.

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