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Von der Verletzlichkeit

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In den letzten 10 Tagen hat mich ein Thema an drei verschiedenen Orten begleitet – zu Hause in Nordhorn, in England bei der Northumbria Community und schließlich in Niederhöchstadt auf dem Emergent Forum. Manches von dem, was ich nun hier aufschreiben kann, habe ich sicher auch vorher schon erahnt oder intuitiv gelebt – jetzt wird mir aber klarer, warum es mir so wichtig ist für das Zusammenleben mit anderen Menschen. Es geht um die Verletzlichkeit.

Wie andere Menschen auch erlebe ich Krisen im Leben. Manche sind bald wieder vorbei, andere sehr einschneidend. An manchem im Leben scheitere ich – manchmal an dem, was andere sich von mir wünschen, oft auch an dem, was ich mir selbst vom Leben und von mir erhofft habe. Es ist nicht einfach, sich das selbst einzugestehen. Und es ist auch nicht immer einfach, anderen davon zu erzählen. Trotzdem habe ich das an verschiedenen Stellen getan. Mit etwas Abstand habe ich zum Beispiel auch in Predigten über meine Erfahrungen mit eigenen Depressionen gesprochen. Auf keine einzige meiner Predigten habe ich so viele Reaktionen bekommen wie auf diese – sehr viele ZuhörerInnen waren sehr, sehr dankbar, dass ich als Betroffener auch in der Kirche darüber spreche. Fast jeder kennt jemanden im Familien- oder Freundeskreis oder leidet selbst unter dieser Krankheit. Gleichzeitig begegnete mir in diesem wie auch in anderen Fällen, an denen ich persönlich auch von Schwerem im Leben erzähle, noch ein anderes typisches Reaktionsmuster. Menschen sagen mir: „Simon, ich rate dir, vorsichtiger zu sein. Wenn du so persönlich von dir erzählst, werden Menschen deine Schwäche ausnutzen und dich verletzen.“

Freunde, die so reagieren, Sorgen sich um mich und wollen, dass es mir gut geht. Das verstehe ich. Und an manchen Stellen ist der Rat sinnvoll. Er ist vor allem gegenüber Menschen sinnvoll, die in der Öffentlichkeit in unangemessener Weise private oder gar intime Dinge preisgeben, die nicht in diese Öffentlichkeit gehören. Als Zuhörer kann es sehr unangenehm werden, wenn solch ein Seelenstriptease in unpassendem Kontext vollzogen wird. Auch verstehe ich, wenn gerade PastorInnen darauf achten, dass sie sich eine eigene Privatsphäre als Schutz- und Rückzugsraum bewahren. Dieser ist vermutlich lebensnotwendig. Umgekehrt bekomme ich aber ziemliche Bauchschmerzen, wenn die Rede von der Abgrenzung gegenüber DER Gemeinde zum alles bestimmenden Paradigma wird und es nur noch darum geht, sich jeweils vor den anderen zu retten und diese auf Distanz zu halten.

Mit einer guten Freundin sprach ich vor gut einer Woche genau darüber. Sie zeigte zugleich Bewunderung und Verwunderung darüber, wie ich mit Krisen öffentlich umgehe und schilderte, wie schwer es in ihrem beruflichen Kontext sei, sich verletzlich zu zeigen. Das konnte ich sehr gut verstehen und auch wenn auch in unserer protestantischen Kirche das „allein aus Gnade“ zwar gerne gepredigt, aber nicht immer gelebt wird, wurde mir deutlich, dass ich in Kontexten lebe und arbeite, die zumindest in dieser Hinsicht gnädiger sind als andere Felder in Wirtschaft und Politik, wo Schwächen zum Teil gnadenlos ausgenutzt werden. Um so mehr habe ich Respekt vor Menschen, die sich in diesen Zusammenhängen verletzlich zeigen.

Von Montag bis Freitag verbrachte ich dann fünf Tage in der Northumbria Community – einer Lebens- und Glaubensgemeinschaft in Nordengland (einige leise Impressionen von mir und ein Gebet der Gemeinschaft dazu im Video). Sie haben sich eine Regel für ihr gemeinsames Leben gegeben und diese unter zwei Begriffe gestellt – den der „Verfügbarkeit“ einerseits und (ausgerechnet, da war sie wieder!) der „Verletzlichkeit“ andererseits. Es war ein Geschenk, diese Tage mit der Gemeinschaft verbringen zu dürfen – nicht alles ist dort einfach, ganz sicher nicht. Vieles ist in Gemeinschaft sogar eher schwerer. Aber erleben durften wir, wie in einer Atmosphäre der Behutsamkeit und der Achtsamkeit füreinander Menschen sich füreinander öffnen und verletzlich machen, weil sie spüren, dass sie in dieser Umgebung sicher sind. Und das ist dann einfach nur ein Geschenk – selbst so sein zu dürfen, wie man ist und die anderen so annehmen zu können, wie sie sind. Und wer das von anderen erfährt, kann vielleicht auch glauben, dass Gott behutsam und achtsam ist. Oder genau umgekehrt.

In den Vorträgen und den vielen Gesprächen auf dem Emergent Forum (mit deutlich mehr Menschen und deutlich weniger Anteilen von Stille als in England, aber dennoch sehr schön) ging es thematisch um die Gnade. Und dann aber auch wieder um die Verletzlichkeit. Nadia Bolz-Weber erzählte in beeindruckender Weise von ihren Kämpfen im Leben und ihrem Umgang als Pastorin mit diesen Krisen. Und dabei fiel ein Satz, der mir wichtig geworden ist: „If we screw up first, then our church members feel free to screw up also.“ Wenn Menschen also sehen, dass auch LeiterInnen oder PastorInnen Dinge misslingen, dass auch sie scheitern und eigenen Ansprüchen nicht genügen, dann ist dies gleichzeitig eine Einladung für alle anderen dazu, auch selbst nicht fehlerfrei leben bzw. (weil das ja sowieso unmöglich ist) in der Öffentlichkeit zumindest so tun zu müssen. Sich selbst verletzlich zu zeigen, kann also einen Raum eröffnen, in dem andere sich als die zeigen können, die sie sind. Einen Raum der Sicherheit und Behutsamkeit – so wie ich ihn in Northumbria und an anderen Orten erlebt habe.

Zum Beispiel in Rorichmoor auf unserer Kinderfreizeit in diesem Jahr. Erstmalig hatten sich in diesem Jahr viele TeamerInnen gemeldet, selbst eine Andacht für unser Team morgens zu übernehmen. Schon im Vorfeld habe ich mich darüber gefreut. Als ich diese Andachten dann hörte, haben mich diese dann buchstäblich wiederholt zu Tränen gerührt. Onno, Madita, Laura und Luca haben an diesen Tagen von sich erzählt, von sehr Schwerem aus ihrem Leben, und dann aber auch von Hoffnung und Liebe und Glauben. Diese Andachten haben mich sehr, sehr berührt. Ich war überwältigt davon, wie Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren so ehrlich und verletzlich über sich sprechen können – und das vor anderen. Im Nachhinein ist mir heute eingefallen, dass ich beim Vorbereitungswochenende selbst über eine aktuelle Krise in meinem Leben gesprochen hatte. Und vielleicht hat das eine ja mit dem anderen zu tun. Zumindest ist auch in anderen Momenten mein Empfinden, dass manche Menschen fast nur darauf warten, dass ihnen ein Raum bereitet wird, indem sie (manchmal zum ersten Mal in ihrem Leben) befreit von sich erzählen können. „Das habe ich noch nie jemandem erzählt. Ich weiß auch gar nicht, warum ich das jetzt gerade erzähle.“ Inzwischen beginne ich zu ahnen, warum.

Werden Menschen meine Verletzlichkeit ausnutzen? Vielleicht. Bisher erlebe ich glücklicherweise in der Regel eigentlich genau das Gegenteil. Menschen werden oftmals behutsamer und entdecken geradezu liebevolle Seiten an sich, wenn jemand sich vorsichtig ihnen gegenüber öffnet. Das andere ist aber nicht ausgeschlossen. Aber dieses Risiko nehme ich in Kauf. Auch, weil ich weiß, dass in dem Moment, in dem mir der erste in eine offene Wunde sticht, ich viele an meiner Seite habe, die mir dann beistehen.

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  1. Danke sehr für den Beitrag… er hat mich sehr bewegt und berührt. War am Wochenende auch auf dem Emergent. Vieles muss und wird noch nachwirken, von dem was ich dort erleben durfte… sowie Deine Worte, die das für mich erlebte unterstreichen… DANKE… mit lieben Gruß Sabine

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  2. Sehr geehrter Herr De Vries
    Vielen Dank für Ihren Artikel.
    Ich habe meine Teenagerzeit in Pfarrhäusern auf dem Land verbracht, unter den Argusaugen der Gemeinde mit sehr liebevollen Eltern die mich mit Ihren Ansprüchen, wie ich mich zu benehmen habe, überfrachteten.
    Es war eine schöne Zeit und eine sehr schwere Zeit und trotz allen Ansprüchen von außen gab es für mich einen Weg aus den vielen Verletzungen zu lernen. Ich bin nicht verhärtet, wenn auch manchmal etwas desillusioniert und kann auf Grund von selbst erlebten Menschen in angespannten Situationen gut verstehen.

    Verletzlich zu sein, nicht immer Stärke zu zeigen, auch als Pfarrer im Focus der Gemeinde ab und an einen Schritt zurück zu treten und zu sagen das kann ich nicht macht aus der Amtsperson Pfarrer einen Menschen. Zu zeigen ich habe Schwächen, das möchte so nicht weil es mich verletzt oder aber zu sagen: da stehe ich dazu, „ich kann nicht anders “ auch wenn mich das verletzlich macht und zu Verletzungen führt, macht aus einem Menschen einen sehr ehrlichen Mensch.

    Ich habe, angefangen von meinem Elternhaus, erlebt, wie schwierig es für PfarrerInnen ist nicht als Leithammel der Gemeinde zu agieren. Ich habe erlebt wie gern Gemeindemitglieder alles den PfarrerInnen überlassen und hinterher Kritik üben, weil dies oder jenes besser……..

    Die Situation, bezahlter Organisator der Gemeinde, gleichzeitig Verkünder des Wortes Gottes und doch eigentliche nur ein Glied eben dieser Gemeinde macht den Beruf „Pfarrer“ sehr anspruchsvoll.

    Überzeugung zu leben, offen und ehrlich und damit verletzlich zu sein, ist die Grundlage unseres Glaubens. Jesus ist am Kreuz gestorben unter dem Gespött der Mehrheit.

    Vielen Dank für Ihren Artikel, der mich zum Nachdenken brachte.
    Ich wünsche Ihnen die Kraft Gottes um ihre Verletzlichkeit zu ertragen und zeigen zu können.

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