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Gemeingut: Boden

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Es ist früher Samstagmorgen und ich bin nach einer Nacht auf meiner Isomatte früh im Wohnzimmer Alfter, einem Kulturzentrum am Stadtrand von Bonn, aufgewacht. Innerhalb von einer Stunde hatte das Orga-Team der Wolang?-Konferenz mir diesen Schlafplatz organisiert, nachdem ich erst Mitte der Woche von dieser Veranstaltung gehört und mich spontan angemeldet hatte. Der gestrige Tag bot vieles Neues und Spannendes für mich und ich versuche zu sortieren:

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#wolangboden #gemeinschaft #gemeingut

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Als ich mittags auf das Gelände der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft komme, wird gerade für eine Kunst-Aktion applaudiert, die die Konferenz offenbar eröffnet. Die Erfahrung, Boden zu bewegen, kann hier ganz praktisch ausprobiert werden.

Bei der Anmeldung schreiben Teilnehmer wie Referenten anscheinend alle nur ihre Vornamen auf Klebestreifen – also mache ich das auch so. In der Cafeteria gibt es Mittagessen. Leckere Kürbissuppe wird uns zu den Tischen gebracht. Mir gegenüber sitzt Joachim. Er erzählt mir von seinen Bemühungen um das bedingungslose Grundeinkommen, der Straßenmusik, die er macht und seinem Job als Designer. Unmittelbar haben wir so viele gemeinsame Gesprächsthemen, dass es für ein ganzes Wochenende reichen würde. So geht es mir dann später auch noch beim Kaffee und Abendessen (Brot, Käse und Wein für alle) mit Anna, Dag, Hans, Jan und vielen anderen. Der Abwasch für die 200 Teilnehmenden wird spontan organisiert. Läuft.

Einige Gedankensplitter des ersten Tages:

Die Reihe der mit Handtüchern markierten Liegestühle am Pool des Urlaubshotels ist eine sprechende Metapher für eine Welt, in der in unsinniger Weise Anspruch auf alleinigen Besitz gestellt wird und die dem Gemeinwohl gerade nicht dient. Die meiste Zeit des Tages sind die meisten Liegestühle schlichtweg ungenutzt, während die Gesamtzahl der Liegestühle problemlos ausreichen würde, um allen Pool-Nutzern den ganzen Tag über eine Gelegenheit zum Entspannen zu bieten. Welchen Ausweg gibt es in einer solchen Welt? Entweder jemand wie der Hotelbesitzer stellt ne Regel auf (Keine Handtücher mehr!) oder aber die Gemeinschaft verhandelt gemeinsam ein sinnvolles Vorgehen.

Armin Steuernagel spricht über „Rethinking Ownership“ und plädiert für einen Paradigmenwechsel vom Vermögenseigentum zum Verantwortungseigentum. Dahinter steht bei ihm seine eigene Erfahrung, dass ein von ihm selbst gegründetes Unternehmen zumindest rechtlich gar nicht mehr seiner Idee, sondern eigentlich primär seinem eigenen Vermögen diente. Er hat einen Weg gefunden, die GmbH umzustrukturieren und hilft nun anderen Unternehmen, Ähnliches zu tun. Verantwortungseigentümer sind für ihn Treuhänder auf Zeit ohne das Recht, Gewinne entnehmen zu dürfen.

In diesem Sinne arbeitet die Genossenschaft Landwege eG, über die Tina Andres berichtet. Hier ist ein lokales enges Netzwerk im Bereich Lübeck entstanden, das Absatzwege für ökologisch produzierte Güter geschaffen hat. Interessant für mich, dass sie betont, die Genossenschaft wolle bei allem Erfolg gerade nicht weiter in die Fläche wachsen, weil damit sonst die eigene Idee verraten werden würde. Stattdessen ginge es darum, die Netzwerke vor Ort weiter zu stärken und ggf. die Idee auf einer Makro-Ebene weiterzuverbreiten und anderen lokalen Netzwerken Starthilfe zu geben. Mit den Bauern vor Ort gibt es keinen einzigen schriftlichen Vertrag. Alles baut auf Vertrauen und intensive Kommunikation. Auf diese Weise hat es in 20 Jahren keinen einzigen ernsthaften Konflikt gegeben. Im Gegenteil: Tina Andres betont, dass die Einführung von Regeln und Satzungen in ihrem Kontext die Gemeinschaft nie verbessert hat. Wo aber doch Regelwerke nötig sind, müssen sie immer wieder neu von Menschen mit Leben gefüllt werden. Die Preise für Getreide beispielsweise werden von den Bauern selbst im Dialog mitbestimmt. Damit notwendige Kostensteigerungen beim Brot trägt der Kunde, der die 10 Cent extra aber gerne bezahlt, weil er die Transparenz und Authentizität der Genossenschaft einfach schätzt.

Ulrich Kriese nimmt uns als ZuhörerInnen mit auf eine historische Reise im Hinblick auf die Beziehung der Menschheit zum Boden. Grundsätzliches steht am Anfang und im Zentrum seiner Überlegungen: So ist Boden eigentlich als etwas zu verstehen, das allen oder niemandem gehört (bzw. laut dem Beter von Psalm 24 zumindest nicht dem Menschen: „die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“). Stattdessen muss jeder neue Erdenbürger feststellen, dass heute zum Zeitpunkt der eigenen Geburt die ganze Erde schon verteilt ist (Ausnahme sind heute nur die Antarktis und einige Teile der Tiefsee; dagegen hat ein Amerikaner, der zufällig gerade pleite war, sogar mit einigem Erfolg angefangen, den Mond zu verkaufen). Wenn aber das Privateigentum quasi heiliggesprochen wird, lässt sich das Problem der Vermögenskonzentration kaum vermeiden. Dagegen gibt es schon im 3. Buch Mose die Idee des Erlassjahres, die zumindest langfristig sicherstellt, dass der Boden nicht für immer verkauft wird (auch wenn dies historisch vermutlich nie richtig Einzug in die Praxis gefunden hat). Jean-Jacque Rousseau bringt die Problematik des Konzepts „Privateigentum“ auf den Punkt:

Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies gehört mir“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: „Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, die Erde aber niemandem gehört.“

Der für mich zugleich eindrücklichste, verwirrendste und faszinierendste Teil kommt nach dem Abendbrot, als Andreas Weber als Biologe philosophisch spricht. Mir fehlen alle notwendigen Kategorien, um das dort Gehörte sortieren, einordnen und bewerten zu können – aber vielleicht ist das ja manchmal auch gar nicht so schlecht. Weber wehrt sich gegen eine Gegenüberstellung vom Menschen und „den Dingen“. Am Beispiel des Bodens – im Sinne von Humus – macht er deutlich (ähnlich wie dies Peter Wohlleben in den letzten Jahren populär durch verschiedenen Bücher im Hinblick auf die Kommunikation und „Gefühls-Leben“ in der Pflanzenwelt gelungen ist), dass selbst in der Mikrostruktur des Humus nicht trennscharf zwischen Lebendem und Dinglich-Totem unterschieden werden kann. Die Durchdringung und Verflechtung des Lebens findet sich selbst bis hin zur Verbindung von Lebensorganismen mit Mineralien. Im Hinblick auf die Luft spricht Weber von einer Gegenseitigkeit des Atems. Im Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid atmen wir quasi den Baum und er uns. Während wir privatrechtlich über Boden als Besitz denken, erleben indigene Völker den Boden/den Fluß als Gegenüber bzw. sogar als Teil von sich selbst – in keinem Fall als etwas, dessen sie habhaft sein können. Deshalb meint auch das gutgemeinte Konzept von „original ownership“, das indigenen Bevölkerungen ein ursprüngliches Besitzrecht zuerkennen will, für diese gar keinen Sinn.

Für Weber wiederum macht gar keinen Sinn, unsere ganze Welt unter der Leitmetapher der ökonomischen Effizienz zu betrachten und er beklagt zugleich, dass die die jeweilige Zeit prägenden Leitmetaphern (wie dies z.B. in früheren Zeiten „das Uhrwerk“ war) quasi unvermeidbar sind, weil bis hinein in Talkshows auch gänzlich andere gesellschaftliche oder wissenschaftliche Teilbereiche immer nur durch die vorherrschende Leitmetapher plausibel gemacht werden können. Dagegen kann man zeigen, dass die Natur völlig ineffizient existiert. Sie ist stattdessen eine Welt der unnützen Verschwendung.

Das Allerschönste ganz zum Schluss: Dawn Nilo begleitet diese Tage als Clown und interveniert immer wieder. Und das macht sie einfach ganz wunderbar, intelligent und einfühlsam.

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