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Kein „Schwaches Signal“

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Hanna Jacobs hat in der letzten Woche einen viel beachteten Artikel in „Christ&Welt“ über die digitalen Angebote der evangelischen Kirche in Corona-Zeiten unter dem Titel „Schwaches Signal“ geschrieben. Im Wesentlichen sind darin die PfarrerInnen Thema. Ein solcher bin ich ja – insofern habe ich mich angesprochen gefühlt. Ein paar Tage habe ich nun überlegt, wie ich darauf reagiere.

Vorrede

Zum einen kennen wir beide uns seit einigen Jahren. Wir teilen sogar die Erfahrung, vom gleichen Mentor im Vikariat ausgebildet worden zu sein. Ich schätze Hanna sehr und halte sie für eine Autorin, die ausgesprochen pointiert Dinge benennen kann und bei der ein unterhaltsamer Schreibstil auf theologisch Durchdachtes trifft. Das gibt es überhaupt gar nicht oft und insofern ist sie eine große Bereicherung für die ganze kirchliche Szene und darüber hinaus. Ich bewundere ihre Fähigkeit, immer wieder in großer Regelmäßigkeit interessante Texte in ihrer Kolumne zu schreiben. Dabei bin ich auch völlig einverstanden damit, Dinge hier und da ein wenig zu überzeichnen – mehr als einmal hat sie so Debatten ausgelöst, die wichtig sind. Und wem gelingt das schon? Ich finde das großartig und lerne von ihr. Vor kurzem hatten wir im Raumschiff Ruhr eine ganz wunderbare, warmherzige Begegnung. Und ich erlebe sie zudem als Person, die Widerspruch, wenn er sachlich begründet ist, konstruktiv aufnimmt – auch das kann nicht jede/r. An einem solchen versuche ich mich nun.

Gestern und heute standen wir in einem wertschätzenden Austausch zu zweit – so etwas würde ich mir viel öfter wünschen, bevor man übereinander schreibt. Sie hat mich ermutigt, diese Gedanken zu veröffentlichen, die ich ihr zuvor zu lesen gegeben habe. Die folgenden von mir in Frage gestellten Punkte tauchen im Übrigen auch nicht nur bei in Hannas Artikel auf, sondern auch in Beiträgen anderer KritikerInnen an anderen Stellen.

Der Vorwurf der massenweise Produktion von Content

Nur wenige Tage, nachdem die ersten PfarrerInnen streamten, beschwerten sich andere, dass ZU VIELE PfarrerInnen streamten und ZU VIEL content produzierten. Kein Mensch könne alle diese Sachen anschauen! Dieser Vorwurf (an wen genau?), der zunächst eine Stimmung vieler traf, ist meiner Ansicht nach auf den zweiten Blick unsinnig: Es wird von den Pfarrerinnen und Pfarrern landauf landab nämlich gar nicht mehr content produziert als vor Corona. Etwas anderes hat sich stattdessen geändert: Der content ist jetzt nur für alle sichtbar.

Ein ganz normaler Tag vor Corona bei mir: Ich gehe vormittags mit meiner Handpuppe in die KiTa, bin Nachmittags im Pflegeheim zu einer Andacht und bereite abends mit Teamern das Thema Gebet für eine Konfi-Einheit vor. Niemand hat sich dadurch je behelligt gefühlt, dass ich das so tue. Wenn ich aber jetzt für unsere KiTa-Kinder (und alle, die noch Spaß daran haben) eine kleine Sendung mit der Handpuppe aufnehme; dann eine Andacht so erstelle, dass sie auch auf internetfähigen Fernsehern im Pflegeheim zu sehen ist (weil ich da nämlich gerade sonst nicht rein komme) und auf instagram #fragdenPastor mit Jugendlichen spiele, produziere ich nicht mehr content als vorher, sondern eher weniger, weil (obwohl ich vergleichsweise geübt bin mit Schnitt-Programmen) es nämlich jetzt länger dauert. Alle Inhalte sind allerdings jetzt auch für alle sichtbar. Ich musste mir u.a. von einer Pastoren-Kollegin in einer facebook-Gruppe anhören, ich solle mich und die ganze Kirche mit meinen albernen Handpuppen-Stücken nicht komplett lächerlich machen.

Hanna beklagt die fehlende Anpassung von PfarrerInnen an die Sehgewohnheiten der Internetgemeinde. Recht hat sie. Aber demjenigen, der über zu viel Content klagt, sei dann auch gesagt: Du musst dir ja gar nicht alles anschauen! Das Internet komplett durchzulesen oder durchzuschauen, wird eh nicht funktionieren. Und wenn du keine Handpuppen magst, dann probier doch mal Gunnar Engel oder „Anders Amen“.

Der Vorwurf des durchschnittlichen Content

Der Klage über zu viel content folgt dann regelmäßig der Hinweis, dass dieser darüber hinaus auch noch mehrheitlich durchschnittlich sei! Tja – das ist zwar richtig, aber vermutlich kein besonderes Merkmal des Digitalen, sondern gilt analog ganz genauso. Bei niemandem von uns ist jede öffentliche Äußerung einmaliges Glanzstück (Billie Eilish, Roger Willemsen und Juli Zeh jetzt mal ausgenommen) und ganz bestimmt wurden vor Corona genauso viele durchschnittliche Andachten produziert wie jetzt auch.

Woran bemisst sich aber eigentlich die Qualität eines Dialoggeschehens wie einer Andacht? Zumindest zum Teil doch durch die Beziehungsdimension zwischen den beteiligten Personen. Hanna brandmarkt den Wunsch, auch in Corona-Zeiten die eigene Pfarrerin sehen zu wollen oder umgekehrt, sich als solche anzubieten, als Kirchturmdenken. Ich meine dagegen: Die Nähe, die sie am Ende ihres Artikels einfordert, wird doch gerade an den Stellen sichtbar, wenn ich die Menschen, die ich von vor Ort kenne, auch auf dem kleinen oder großen Bildschirm wiedersehe. Ich habe vom Pflegeheim bei uns um die Ecke gehört, dass Tränen geflossen sind, als dort nach Wochen unsere erste Andacht über den Bildschirm lief. Für die zum Teil dementen BewohnerInnen dort, bei denen unsere Gedanken und Herzen in diesen Wochen besonders häufig sind, wird übrigens die Klangqualität der Mikrofone ziemlich unerheblich gewesen sein. Und diese Erfahrung beschränkt sich auch nicht auf hauptamtlich verantwortete Inhalte: Ein komplett ehrenamtlich gestalteter Gottesdienst für Familien hat ebenfalls viele emotionale Reaktionen ausgelöst.

Mein Eindruck: Natürlich – Professionalität ist immer besser als Unprofessionalität. Schlechte Technik hat noch nie irgendwo geholfen. Aber auch das gilt selbstverständlich analog genauso wie digital. Eine schlechte Mikrofonanlage in der Kirche ist genauso wenig hilfreich fürs Reich Gottes wie bescheidene Audio-Settings beim Streamen. Aber entscheidend ist doch am Ende, in welcher Haltung du deine Sache machst. Wenn dir diejenigen, für die du etwas tust, so richtig am Herz liegen und du deine Sache liebevoll machst, dann kommt das auch rüber. Selbst, wenn du mit deinem Smartphone filmst.

Der Vergleich mit erfolgreichen YouTubern

Pastor Gunnar Engel wird sodann als erfolgreiches Beispiel angeführt gegenüber dem Pfarrer, der sich vergleichsweise hilf- und planlos erstmalig vor eine Kamera stellt. Wieder einmal bin ich zunächst völlig d’accord: Gunnar Engel (hat der liebe Gott ihm eigentlich diesen fantastischen Nachnamen geschenkt oder hat er klug geheiratet?) macht seine Sache ziemlich gut und ist tatsächlich auch so hip, wie ich gerne wäre, aber vermutlich nie sein werde – also in jedem Fall klamotten- und frisurtechnisch, für meinen Geschmack weniger theologisch.

Aber was ist denn das bitte für ein unbarmherziger Vergleich? Zum einen höre ich ja auch nicht deshalb auf zu predigen oder Seelsorge zu betreiben, weil ich leider nicht die Wortgewandtheit einer Christina Brudereck oder die Einfühlsamkeit eines Jürgen Domian habe. Und zum anderen gilt es doch gerade jetzt, diejenigen, die bisher die social media unsicher bis distanziert betrachtet haben und jetzt erstmalig die Aufnahmetaste drücken, zu unterstützen und nicht die ersten Gehversuche hämisch mit dem Hinweis auf lächerliche Klickzahlen zu kommentieren. Im Übrigen sind Besucherzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich ja auch nicht selten unsere analoge Realität (und der Vergleich der Zahlen ist sowieso schwieriger als er manchen zunächst scheint, weil Absprungraten, Verweildauer u.a. noch eine gründlichere Analyse braucht als wir sie bisher m.W. in den meisten Bereichen vorliegen haben).

Gemeindebrief und Schaukasten als Negativfolie

Was nicht fehlen darf in einem Artikel über digitale Kirche ist der Verweis auf Gemeindebrief und Schaukasten als Symbole für eine Kirche, die den Aufbruch in die Moderne verschlafen hat. Nichts aber könnte unpassender sein als gerade diese beiden. Ich selbst bin größter Fan digitaler Möglichkeiten. UND ich bin Fan von Print. UND eines gut gemachten Schaukastens. Diese Dichotomie wird trotz gebetsmühlenartiger Wiederholung in beinahe jedem Artikel über digitale Kirche nicht richtiger. Denn gerade die crossmediale Vernetzung bringt den Schritt nach vorne, nicht das Gegeneinander-Ausspielen von digitalen und in Kirche auch weiterhin erfolgreichen analogen Kommunikationsmöglichkeiten. Wieder gilt: Ein liebevoll gemachtes Print-Produkt ist besser als ein schludriges. Genauso ist es im digitalen Bereich. Digital ist nicht per se besser, nur anders.

Filterblase?

Schließlich der Vorwurf, die PfarrerInnen und hoch Engagierten würden sich gegenseitig gerade eine Filterblase schaffen, in der sie einander beobachten und sich dabei für die übrige Welt überflüssig machen, während RKI-Präsident Lothar Wieler als eigentlicher Hoffnungsträger und potentieller Trost-Spender in unsicheren Zeiten agiert. Nichts könnte weiter entfernt von meiner eigenen Erfahrung sein: Während nämlich der Kontakt zur Kerngemeinde vorrangig per Telefon, Brief und whatsApp ganz gut funktioniert, docken über die social media auf einmal viele Menschen an, zu denen wir vor Corona wenig bis gar keinen Kontakt hatten: Menschen, die den Wert von Kirche und ihrer Botschaft für die Gesellschaft und für sich selbst auf einmal wiederentdecken; Hilfsbedürftige, die jetzt ganz konkret berührende Erfahrungen mit anderen Christen machen; innerlich Verletzte, denen die Distanz und die stärkere Sichtbarkeit von Seelsorgern im Netz geradezu ermöglicht, Dinge auszusprechen, die vorher nicht sagbar waren. Die Gruppe derer, die nicht nur mit und über Kirche, sondern jetzt innerhalb von Kirche kommuniziert, ist gewachsen und hat sich in ihrer Zusammensetzung völlig verändert – eine wunderbare Entwicklung und das genaue Gegenteil der Filterblase, die wir analog mit unseren Kerngemeinden häufig haben. 

Nähe und Verbundenheit

Am Ende Hannas Wunsch, eine Kirche zum Anfassen auch digital abbilden zu können. Das ist auch meiner. Kurioserweise ist er hier verbunden mit der Person Margot Käßmann, die wie keine andere dem Digitalen eben solche Möglichkeiten abspricht und bei der Ressentiments über das böse Internet so sicher sind wie das Amen in der Institution, die sich bei ihr nur eigentlich nur analog ereignen kann.

Was leider für mich am Ende bleibt, ist eine KollegInnen-Schelte (denn adressiert sind hier ja eindeutig nicht Kirchenleitung oder kirchliche Medienhäuser für eine verfehlte Digital-Strategie, sondern Gemeinde-PastorInnen für deren Unzulänglichkeiten), die zum einen meine eigenen Erfahrungen und die vieler Kolleginnen in diesen Wochen unzureichend trifft und darüber hinaus mit denen, die erste Schritte wagen, wenig barmherzig ist.

Berührt hat mich zum gleichen Thema ein Text von Tabea Kraaz, der dem von Hanna vorausging: Sie bringt den Predigttext des Sonntag vor Ostern, die Salbung Jesu in Bethanien, in die Debatte um gute und schlechte Streaming-Angebote ein:

„Ich möchte auf das Herz dieser Frau sehen, auf ihre Liebe – nicht auf die Verschwendung, die peinliche Aktion, die sie da bringt, nicht darauf, dass es irgendwie unangebracht ist, was sie macht. Gemeinschaft und Kollegialität ist im Moment so wichtig, ist es immer, aber jetzt vielleicht umso mehr. Lasst uns wertschätzend umgehen mit alledem, was andere in der Krise tun. Wie sie selbst das bewältigen. Was sie zu schenken haben. […] Meine Bitte: Schaut auf die Gemeinschaft, nicht auf die verwackelten Handybilder. Schaut auf die Liebe, nicht auf das vergossene Öl.“

Ich selbst merke, wie schwer das ist – auch in diesem Text. Jetzt nicht selbst wieder in der Lust am Pointieren genauso und nur von der umgekehrten Seite zu meckern und sich so in innerkirchlichen Debatten zu verfangen. Auch deshalb hatte ich gezögert zu schreiben. Und wegen der Wertschätzung gegenüber Hanna, die bleibt. Aber weil das, was gerade in unserer Kirche passiert, meinem Empfinden nach wichtig ist, ist mir auch die Einordnung dessen nicht egal.

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  1. Pingback: Mehr oder weniger digital – Qal Wachomer

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