Alle Artikel mit dem Schlagwort ‘Latour

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Das terrestrische Manifest (4)

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Zuweilen werden Regierungen wie die gegenwärtige Administration der USA und ihre Handlungsweisen mit anderen Regierungen aus der Geschichte der letzten Jahrhunderte verglichen. Ein Vergleich ist aber schon deshalb schwierig, weil sich die Menschheit und jede unserer Gesellschaften in einer Lage befindet, für die es einfach keinen Präzedenzfall gibt. Noch nie musste sich eine Gesellschaft mit den Reaktionen des Systems Erde auf das Handeln von fast acht Milliarden Menschen befassen. Das ist eine neue Situation. Die Erde selbst ist zum politischen Akteur geworden.

Insofern drängt sich die neue Achse hin zum Terrestrischen, die im 90-Grad-Winkel zur Modernisierungs-Achse liegt, wie von selbst auf. Fragen der Ökologie sind insofern auch nicht einer bestimmten grünen Partei zuzuordnen, die sich wie die anderen Parteien auf der alten Achse irgendwo zwischen rechts und links einsortiert, sondern betreffen das Ganze. Sie sind nicht die Alternative zu sozialen Themen, Sicherheitsfragen oder Migrationspolitik. Als Politik der Erde bestimmen sie stattdessen die Gegenwart und Zukunft allen Lebens und des Planeten und damit auch die anderen genannten Themen.

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Das terrestrische Manifest (3)

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Die gesellschaftliche Landkarte erweitert sich. Das Modell Trump zeigt, dass politische Kategorien von „rechts“ und „links“ und einfaches Modell mit den Polen „lokal“ und „global“ weder die gegenwärtige Situation erklären können noch Erfolge mancher Personen und Positionen, die die meisten von uns noch vor zehn Jahren für sehr unwahrscheinlich gehalten hätten.

In all dem bildet sich aber ein weiterer Attraktor, der denjenigen von uns Hoffnung verleihen mag, die mit Profitmaximierung, Klimawandel-Leugnung und Bau von Grenzmauern nicht viel anfangen können. Er liegt sozusagen im rechten Winkel zum Modernisierungs-Vektor und versucht, das Beste aus den Ideen des Lokalen und des Globalen aufzunehmen. Wichtig ist ihm der positive Bezug zum Boden einerseits und der Weltbezug andererseits. Im besten Fall ermöglicht der Boden Bindung und die Welt Entbindung. Als Christ und Bibel-Leser habe ich mich an dieser Stelle an das ambivalente Verhältnis in biblischen Texten von uns Menschen zur Welt erinnert gefühlt: Wir sind als Menschen Teil der Welt/Schöpfung und zugleich auch noch auf etwas Größeres bezogen. „In der Welt, aber nicht von der Welt“, heißt es im Johannesevangelium bei Jesus. Hier lohnt es sich vielleicht noch einmal weiterzudenken.

Latour sucht nach einem Namen für diesen neuen Attraktor und landet schließlich vorerst beim „Terrestrischen“ (also sozusagen „das Irdische“ von lateinisch „terra“=Erde). Ein Grund für die Wahl dieses Begriffs ist auch, dass er das ungewöhnliche Alter dieses neuen Akteurs im politischen und gesellschaftlichen Feld betont. Des neuen Akteurs? Tatsächlich – im Weiteren wird die Erde selbst zu einem Akteur auf der politischen Spielfläche und das ist vielleicht der eigentliche Clou dieses Essays von Bruno Latour.

Wenn jetzt nämlich von Geo-Politik die Rede ist, dann bezeichnet dies nicht mehr nur den Rahmen oder den Ort des politischen Geschehens, sondern benennt einen neuen eigenständigen Wirkfaktor. Auf einmal betritt also ein neuer Akteur die Bühne, der selbst von nun an am öffentlichen Leben und an der Geschichte teilnimmt.

Und damit sind wir beim Kern des Geschehens angekommen, nämlich bei den Auswirkungen des weltweiten Klimawandels. Nicht erst seit dem letzten Sommer unverkennbar reagiert die Erde und ihre Atmosphäre auf ihre Bewohner und deren Modernisierungsstreben. Sie beschäftigt sich nun mit uns. Der Ausdruck „Ich gehöre (zu) einem Territorium“ hat sich gewandelt. Nun bezeichnet er auf einmal die Instanz, die den Eigentümer in Besitz hat! Das Terrestrische ist nicht mehr Rahmen und Raum menschlichen Handelns, sondern vielmehr Teil davon. Wir sind mitten in der Geogeschichte gelandet. War das 19. Jahrhundert das Zeitalter der sozialen Frage, so ist das 21. Jahrhundert das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage geworden.

(Dieser Artikel ist Teil einer Serie. Hier finden sich Teil 1 und Teil 2.)

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Das terrestrische Manifest (2)

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Weltbezogen und mit Bodenhaftung, offen gegenüber einer Vielzahl an Alternativen und zugleich respektvoll für Grund und Boden – wie kann das aussehen? Gesucht ist eine neue Bezugsgröße, die beides verbindet. Der Glaube an die Globalisierung ist gescheitert, ein vollständiger Rückzug aufs Lokale verbietet sich.

Aus Sicht mancher Globalisierungsbefürworter sind alle anderen (auch diejenigen, die die Folgen der Globalisierung kritisch sehen) hinterwäldlerische Provinzialisten, reaktionäre Nationalisten oder antimodernistische Zu-Kurz-Gekommene. Diese Zuschreibung ist aber nicht nur einseitig verurteilend, sondern wird selbst auf einer Landkarte mit dem einzigen Vektor „Modernisierung“ der Wirklichkeit nicht gerecht. Dies zeigt schon die zunehmend schwierige Zuordnung der Kategorien „links“ und „rechts“ im politischen Spektrum. Während sich die „Linke“ in ökonomischen Frage beispielsweise eher am Lokalen orientiert und im Hinblick auf die Befreiung der Sitten eher zum Globalen tendiert, ist dies bei der „Rechten“ genau umgekehrt. Die aufs Lokale Bezogenen sind also nicht automatisch reaktionär – oder aber sie sind aus guten Gründen insofern reaktionär, als dass sie sich u.a. gegen das freie Spiel der Kräfte des Marktes zur Wehr setzen.

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Das terrestrische Manifest (1)

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In den vergangenen Tagen habe ich mich mit dem kleinen Büchlein „Das terrestrische Manifest“ von Bruno Latour beschäftigt. Es ist ein schmales Buch, aber es hat es in sich. Zeitgleich mit einigen anderen habe ich es deshalb gelesen, weil es uns auch als Grundlage für das Con:Fusion 2019 dient, wo wir uns einige Tage mit dem Thema „Zeichen der Zeit. Prophetie, Spiritualität und das globale Schlamassel“ befassen wollen (hier ein Link zu einem Rückblick von mir auf dieselbe Veranstaltung vor fünf Jahren für diejenigen, die interessiert, was es damit auf sich hat).

In den folgenden Beiträgen möchte ich für mich und Euch zentrale Ideen dieses Buches einmal aufschreiben. Mir hilft es hoffentlich beim eigenen Verstehen und für Euch ist es ja vielleicht auch interessant. Dazu habe ich versucht, ein paar eigene Grafiken anzufertigen, um die neue Landkarte unserer Welt, die Latour mit Worten zeichnet, besser nachvollziehen zu können.

Der Essay ist nicht weniger als der Versuch, drei oft beschriebene Phänomene direkt aufeinander zu beziehen: Den Prozess der Globalisierung, die Explosion der weltweiten Ungleichheiten und den Klimawandel bzw. die Leugnung desselben. Das an sich ist schon ein ambitioniertes Vorhaben. Auch wenn die Frage des Klimawandels sich für Latour als die entscheidende Frage unserer Zeit herauskristallisieren wird, beginnen wir mit einem Blick auf die Globalisierung.

Während sich in der Vergangenheit mit diesem Schlagwort die Hoffnung auf Fortschrittlichkeit, Modernisierung und geteiltem Wohlstand verband, hat sich der Klang dieses Begriffs zunehmend zum Negativen verändert. Eigentlich beschreibt er zwei Phänomene, die laut Latour unterschieden werden sollten. Er nennt sie daher „Plus-Globalisierung“ und „Minus-Globalisierung“.