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Ein Tag im BAMF

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Heute war ich zum ersten Mal im „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“. Konkret: In seiner Außenstelle in Bramsche. Diese Erfahrung und die Geschichte von Lamaj (deren Name ich geändert habe) möchte ich gerne mit euch teilen. Und gleichzeitig noch meine Gedanken und Empfindungen zu diesem Tag etwas sortieren.

Lamaj hat mich gebeten, sie als sog. „Beistand“ zu begleiten. Ihre Geschichte ist ungefähr die Folgende: Im Libanon in einer vergleichsweise weltoffenen Familie aufgewachsen, kommt sie nach dem Tod ihrer Eltern zu einem anderen Teil der Familie, wird dort zu einem streng muslimischem Leben als Frau gezwungen und widersetzt sich diesem wiederholt. Sie verschwindet, ihre Familie findet sie und holt sie zurück. Dies führt zu dauernden Konflikten und auch zu Gewalt ihr gegenüber mit Schlägen bis zur Bewusstlosigkeit und einem Krankenhausaufenthalt. Als sie ankündigt, Christin werden zu wollen, wird ihr mit dem Tod gedroht. Eine Anzeige bei der Polizei wird nach Auftauchen des tätlich gewordenen Familienmitglieds vor ihren Augen zerrissen – er hat Beziehungen und Geld. Sie dagegen hat einen Job bei einer NGO. Sie ist nicht mittellos, aber sie kann es im Libanon nicht mehr aushalten und fürchtet um ihr Leben. Während eines Urlaubs in Frankreich entscheidet sie spontan, nie wieder zurückzukehren und beginnt ganz allein und nun doch mittellos ein neues Leben als Flüchtling, nachdem sie noch kurz zuvor indirekt für selbige gearbeitet hatte.

Als ich verstehe, dass vielleicht sogar wortwörtlich ihr Leben von dieser Anhörung abhängt, ist mir sofort klar, dass ich andere Termine für diesen Tag absagen muss, wenn sie meine Begleitung wünscht. Von einem Bekannten bekomme ich Information über die Rechte von Beiständen in Anhörungen: Ich habe nach einer Auskunft des Innenministeriums an Volker Beck Anwesenheits- und Fragerecht. Das BAMF ist aber nicht berechtigt, sich in Verfahrensfragen an mich zu wenden. Ich bin gespannt, wie das in der Praxis funktioniert.

Bild: Snapchat

Für 10.00 Uhr ist der Termin angesetzt. Wir sind früh losgefahren und eine halbe Stunde vorher da. Nach Abgabe von Ausweis und begleitetem Gang zu den Containern, in denen die Anhörungen stattfinden, nehmen wir in einem gut gefüllten Wartezimmer Platz. Unsere Hoffnung, dass vielleicht nicht alle zeitlich vor uns Eingetroffenen auch vor uns dran sind, erfüllt sich leider nicht. Für Lamaj ist die zweistündige Wartezeit verständlicherweise viel nervenaufreibender als für mich. Für sie entscheidet sich heute ihre Zukunft.

Bild: Snapchat

Schließlich ruft uns der Dolmetscher auf, der Lamaj im Folgenden übersetzen wird, und schon auf dem Flur schüttelt uns der Mann die Hand, der über ihr Schicksal befinden wird. An seinem Büroschild steht unter seinem Namen dann auch schlicht „Entscheider“. Die deutsche Sprache prägt zuweilen eine ungeschminkte Direktheit.

Über die nächsten knapp vier Stunden (gut, dass jeder Lebensgeschichte durchaus diese Zeit gegönnt wird) darf ich nichts Konkretes schreiben. Die Anhörung ist nicht öffentlich und über den Inhalt gilt Schweigepflicht. Daher beschränke ich mich hier auf Formales. Alle elektronischen Geräte müssen ausgeschaltet sein. Als ich nach drei Stunden in einer Toilettenpause erbitte, kurz das Smartphone anschalten zu dürfen, um einen Nachfolgetermin abzusagen, muss ich es anschließend sofort wieder abschalten. Insgesamt ist die Atmosphäre angespannt. Ich werde eingangs darüber belehrt, dass ich lediglich moralischer Beistand bin und nicht zu sprechen habe. Als ich am Ende auf mein Fragerecht hinweise, werden mir keine Fragen, sondern nur Anmerkungen erlaubt, wobei diese sich nicht auf den Bericht von Lamaj beziehen sollen. Um die Gesprächsatmosphäre nicht zusätzlich zu verschlechtern, verkneife ich mir die Rückfrage, ob wir uns dann lieber über den Tabellenstand in der zweiten 2. Bundesliga unterhalten wollen und versuche, meine in den Stunden zuvor gedanklich ausgearbeiteten, vertiefenden Fragen an Lamaj in „Anmerkungen“ zu verpacken. Das hat zur Folge, dass ich recht schnell unterbrochen werde mit der Rückfrage, ob ich meinen würde, auf Dinge hinweisen zu müssen, die er sowieso schon wüsste und ob ich sie besser wüsste. Ich solle mir zu Hause außerdem mal in Ruhe das Asylgesetz durchlesen. Als Lamaj später ihr Recht in Anspruch nimmt, sich das Protokoll durch den Übersetzer rückübersetzen zu lassen und ich somit wiederum eine halbe Stunde Zeit habe (und auch nicht „2048“ auf dem Smartphone spielen darf), kann ich es dann doch nicht lassen, ihn zu bitten, mir leihweise sein Asylgesetzbuch als Lektüre zu überlassen. Bei dieser Lesestunde bestätigt sich zumindest nach meinem Verständnis die Rechtmäßigkeit meiner „Anmerkung“. Darauf hinzuweisen scheint mir aber zu diesem Zeitpunkt eher kontraproduktiv. So verlassen wir sechs Stunden und ein halbes Glas Wasser später möglichst freundlich die Einrichtung, wobei der (zwar nicht wie beantragt nicht-muslimische, aber durchaus bemühte) Übersetzer durchblicken lässt, dass jeder Entscheider einen „eigenen Stil“ hat. Wann die Entscheidung mitgeteilt wird, kann uns heute noch nicht gesagt werden.

Als ich wieder zu Hause bin, merke ich meine Erschöpfung. Lamajs Geschichte noch einmal in ihren zum Teil erschreckenden Details gehört zu haben. Und zugleich dieser Ort – ohne Netz, ohne Essen (hätten wir natürlich mitnehmen können), ohne Zeit (weil keine Armbanduhr), ohne Persönliches an den Wänden und auf den Schreibtischen. Diese intime Geschichte an einem so sterilen Ort – ich bekomm das schwer zusammen.

Was ich an diesem Abend neben der Erschöpfung empfinde? Am ehesten vielleicht so etwas wie Demut. Auch Scham. Darüber, in Deutschland geboren zu sein. Ganz zufällig. Ohne für irgendetwas verfolgt zu werden. In meiner Familie groß geworden zu sein. Dass mich niemand je geschlagen hat. Oder gedemütigt. Dass mir niemand je den Mut zum Leben geraubt hat. Dass ich meine Religion wählen und leben darf. In aller Freiheit. Mit einem Grundvertrauen in Politik, Verwaltung und Polizei. Dass ich nie in der Situation war, meine Heimat verlassen zu müssen. Dass ich nie ganz alleine irgendwo, wo ich niemanden kenne, ganz neu anfangen musste. All das habe ich mir nicht verdient, sondern das ist einfach zufällig so, weil ich in Deutschland geboren bin. Und Lamaj zufällig nicht. Sie hat nichts falsch gemacht. Sie hatte einfach nur nicht mein Glück.

Und jetzt möchte sie einfach nur hier leben. Und nicht zurück in ein Land, in der ihre Familie sie vermutlich finden wird. Und nicht verzeihen. Stattdessen bestrafen. Sie fürchtet den Tod. Mindestens innerlich. Vielleicht auch äußerlich. In einem Land, in dem sie nicht glaubt, dass die Sicherheitsbehörden sie schützen werden.

Manchmal erzähle ich meinen Kindern vom Schicksal bestimmter Flüchtlinge: „xy würde gerne hier leben. Denn in seinem Land ist ihm das und das passiert. Aber weil er eben in einem anderen Land geboren wurde, darf er nicht hier bleiben.“ Und dann gucken sie mich mit großen Augen an, die völliges Unverständnis ausdrücken. Ich glaube, weil sie spüren, wie zufällig und damit ungerecht das Leben sein kann.

Ich muss mich nicht dafür schämen, hier geboren zu sein. Ich weiß das. Aber ich wünsche mir, dass ich wenigstens mein Glück teilen darf. Mit Lamaj. Ich finde, sie hätte es verdient.

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