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Ich bin ein Suchender

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Wir haben uns angewöhnt, die Menschheit einzuteilen in Gläubige vs. Ungläubige. Diese klare Unterscheidung ist nicht nur hilfreich für fundamentalistische Fanatiker bei der Auswahl ihrer Opfer. Er hilft auch vergleichsweise friedfertigen Menschen, sich selbst samt ihrer eigenen Weltanschauung zu verorten. Meiner Wahrnehmung nach beschreiben sich Menschen beider Gruppen oft in Abgrenzung von der jeweils anderen: „Wir sind zwar nicht gläubig, aber wir würden trotzdem gerne bei Ihnen heiraten/unser Kind in Ihrer KiTa anmelden o.ä“. „Ich bin zwar kein Kirchenmitglied, aber das heißt nicht, dass ich nicht glaube.“ So kann man die Welt einteilen: In einerseits die Menschen, die (mehr oder weniger doll/kräftig/intensiv) glauben und andererseits die Menschen, die halt nicht glauben.

Der katholische Soziologe und Religionsphilosoph Tomáš Halík zieht eine andere Linie als die zwischen Glaube und Unglaube (die Jahreslosung Mk 9, 24 legt ja im Übrigen auch nahe, dass beide näher zusammen liegen könnten als zunächst vermutet). Er unterscheidet stattdessen zwischen Suchenden und Nicht-Suchenden. Suchende gibt es in beiden Lagern –  sowohl im Camp der Gläubigen als auch in dem der Ungläubigen. Suchende Gläubige sind diejenigen, die Ihren Glauben nicht als „ererbtes Eigentum“, sondern als Weg verstehen. Suchende Ungläubige sind diejenigen, die gängige religiöse Konzepte in ihrem Umfeld ablehnen, aber in denen dennoch eine Sehnsucht nach einer Quelle (einem Sinn/etwas Größerem als dem Mensch; die Worte sind austauschbar) verbleibt. 

Halík drückt etwas aus, das ich schon lange empfinde. Ich fühle mich anderen suchenden Menschen oft innerlich mehr verbunden als (manchen, ganz wenigen) Menschen meiner eigenen Religion/Konfession/Kirche, die irgendwie den Eindruck machen, schon „fertig“ zu sein. Die keine Fragen mehr haben, aber auf alles eine Antwort. Das bist bestimmt nicht du, sonst wärst du nicht hier.

Die Menschen, denen ich mich nahe fühle, sind Christen, Muslime, Juden, Agnostiker oder Menschen, denen diese Kategorien erstmal völlig schnuppe sind. Mit ihnen verbinden mich die großen Fragen des Lebens, die Sehnsucht nach der Quelle und das Gefühl, Teil einer Menschheitsfamilie und eines großen Ganzen zu sein.

Ich verstehe – diesem Bild folgend – die Kirche als eine Gemeinschaft oder eine Bewegung von Suchenden. Auch deshalb, weil ja gar nicht so klar ist (auch wenn wir es oft stillschweigend voraussetzen), wer und wo Gott eigentlich ist. Einigen können wir uns vielleicht darauf, dass er nicht in unseren Kirchen eingesperrt hockt. Wenn doch, dann hätte er zuletzt ziemlich ruhige Wochen verlebt. Der orthodoxe Theologe Paul Evdokimov sagte es so: „Wir  wissen,  wo  die  Kirche  ist,  aber  wir  wissen  nicht,  wo  sie  nicht  ist.“ Wenn Gott aber in allem ist, mitten in unserer Welt, wenn sich die Trennung zwischen heilig und profan nicht kategorisch durchhalten lässt, dann dürfen sich alle Geocacher und Freundinnen von Schnitzeljagden freuen. Denn dann gilt es, Gott zu suchen in unseren Dörfern und Städten, um ihn überall in der Welt aufzuspüren.

So ein paar Hinweise haben wir ja, wo er sein könnte. Bibel-LeserInnen wissen: Sie (oder er?) ist da, wo Leute solidarisch miteinander sind. Da, wo die Einsamen, Verletzten, Verwirrten und Leidenden wohnen. Da, wo die eine den anderen nicht klein, sondern groß macht. Und da, wo geliebt wird – egal wen.

(der Text von Tomáš Halík, auf den ich mich beziehe, heißt Christentum in Zeiten der Krankheit)

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