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Kein „Schwaches Signal“

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Hanna Jacobs hat in der letzten Woche einen viel beachteten Artikel in „Christ&Welt“ über die digitalen Angebote der evangelischen Kirche in Corona-Zeiten unter dem Titel „Schwaches Signal“ geschrieben. Im Wesentlichen sind darin die PfarrerInnen Thema. Ein solcher bin ich ja – insofern habe ich mich angesprochen gefühlt. Ein paar Tage habe ich nun überlegt, wie ich darauf reagiere.

Vorrede

Zum einen kennen wir beide uns seit einigen Jahren. Wir teilen sogar die Erfahrung, vom gleichen Mentor im Vikariat ausgebildet worden zu sein. Ich schätze Hanna sehr und halte sie für eine Autorin, die ausgesprochen pointiert Dinge benennen kann und bei der ein unterhaltsamer Schreibstil auf theologisch Durchdachtes trifft. Das gibt es überhaupt gar nicht oft und insofern ist sie eine große Bereicherung für die ganze kirchliche Szene und darüber hinaus. Ich bewundere ihre Fähigkeit, immer wieder in großer Regelmäßigkeit interessante Texte in ihrer Kolumne zu schreiben. Dabei bin ich auch völlig einverstanden damit, Dinge hier und da ein wenig zu überzeichnen – mehr als einmal hat sie so Debatten ausgelöst, die wichtig sind. Und wem gelingt das schon? Ich finde das großartig und lerne von ihr. Vor kurzem hatten wir im Raumschiff Ruhr eine ganz wunderbare, warmherzige Begegnung. Und ich erlebe sie zudem als Person, die Widerspruch, wenn er sachlich begründet ist, konstruktiv aufnimmt – auch das kann nicht jede/r. An einem solchen versuche ich mich nun.

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Momentaufnahme nach einer Woche #corona

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Einige eher unsortierte Gedanken nach einer Woche, die möglicherweise Auftakt ist für eine Zeit, die uns und unsere Welt nachhaltig verändern wird. Ich möchte diese Momentaufnahme zum einen für mich notieren, um sie später nachlesen zu können – aber natürlich auch gleich gerne mit Euch teilen. Für mich eine Woche, in der die Anzahl der Kommunikationsvorgänge eine ähnlich steile Kurve nahm wie die Anzahl der in Deutschland Infizierten, eine Woche mit gleichzeitig immer weniger sozialen Kontakte im physischen Sinn, eine Woche mit nicht nur individuellen, sondern gesellschaftlichen Umstellungen von Lebens- und Arbeitsgewohnheiten, eine Woche mit beängstigenden, beglückenden, schwer einzuordnenden, mutmachenden und ernüchternden Erfahrungen.

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Gemeingut: Boden

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Es ist früher Samstagmorgen und ich bin nach einer Nacht auf meiner Isomatte früh im Wohnzimmer Alfter, einem Kulturzentrum am Stadtrand von Bonn, aufgewacht. Innerhalb von einer Stunde hatte das Orga-Team der Wolang?-Konferenz mir diesen Schlafplatz organisiert, nachdem ich erst Mitte der Woche von dieser Veranstaltung gehört und mich spontan angemeldet hatte. Der gestrige Tag bot vieles Neues und Spannendes für mich und ich versuche zu sortieren:

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#wolangboden #gemeinschaft #gemeingut

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Als ich mittags auf das Gelände der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft komme, wird gerade für eine Kunst-Aktion applaudiert, die die Konferenz offenbar eröffnet. Die Erfahrung, Boden zu bewegen, kann hier ganz praktisch ausprobiert werden.

Bei der Anmeldung schreiben Teilnehmer wie Referenten anscheinend alle nur ihre Vornamen auf Klebestreifen – also mache ich das auch so. In der Cafeteria gibt es Mittagessen. Leckere Kürbissuppe wird uns zu den Tischen gebracht. Mir gegenüber sitzt Joachim. Er erzählt mir von seinen Bemühungen um das bedingungslose Grundeinkommen, der Straßenmusik, die er macht und seinem Job als Designer. Unmittelbar haben wir so viele gemeinsame Gesprächsthemen, dass es für ein ganzes Wochenende reichen würde. So geht es mir dann später auch noch beim Kaffee und Abendessen (Brot, Käse und Wein für alle) mit Anna, Dag, Hans, Jan und vielen anderen. Der Abwasch für die 200 Teilnehmenden wird spontan organisiert. Läuft.

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Die Zeichen der Zeit und das globale Schlamassel

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Alle reden übers Klima. Über Johnson und Trump. Unsere verrückte Welt. Und wie es weiter gehen soll. In den vergangenen fünf Tagen haben wir das auch getan. Aber auf ganz andere Weise als sonst häufig. Darüber will ich kurz erzählen.

Das Format „Con:Fusion“ haben wir nun zum dritten Mal in fünf Jahren ausprobiert. Jedes mal war es (wo)anders, jedes mal war es gut. In diesem Jahr waren wir auf dem Lindenhof in Hemmersheim. Das war eine ziemlich gute Wahl, denn der ökologische Ansatz des Hofes vertrug sich gut mit unserem Thema. Gemeinsam wollten wir danach fragen, wie wir als Christen in diesen Zeiten ein neues Verhältnis zu unserer Erde entwickeln können. Wie sich eine widerstandsfähige Spiritualität entfalten kann, die in diesen Zeiten trägt. Wie wir selbst hoffnungsvolle Worte in diese Welt sprechen können und von welchen fremden Worten wir noch lernen können.

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Unverfügbarkeit und Resonanz

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In diesem Jahr besuche ich eine dreiteilige Fortbildung zum Thema „Lustvolles Lassen“. Dieses Thema passt gut in die „Zeit der Freiräume“, die unsere Landeskirche ausgerufen hat. Dabei geht es nun allerdings nicht darum, ausgerechnet das Lustvolle sein zu lassen, wie schon jemand vermutete, sondern vielmehr darum, das Lassen von Dingen/Projekten/Terminen auf lustvolle Weise zu praktizieren. Genau das kommt einem ja zunächst oft sehr schwer vor, kann dann aber im Vollzug und im Rückblick tatsächlich nicht nur befreiend, sondern regelrecht beglückend sein. Viele gute Impulse habe ich schon bekommen im Rahmen dieser Fortbildung und im Austausch mit den anderen TeilnehmerInnen.

In diesem Zusammenhang ist mir auch ein Text aus dem neuen Buch von Hartmut Rosa über die Unverfügbarkeit begegnet, den ich hier ein wenig zusammenfassen und kommentieren möchte, weil er mich angesprochen hat (um das „Angesprochen-Werden“ geht es dann übrigens auch in dem Text selbst). Es handelt sich um die Kapitel 2 und 5 (für diejenigen, die das Buch kennen oder zu Hause stehen haben).

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Scheiß-drauf-Momente

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Was wäre die Welt ohne diese Scheiß-drauf-Momente, die genau diese unsere Welt so viel besser machen? Heute vormittag wurde ich wieder Zeuge eines solchen denkwürdigen Moments. Und das kam so:

Für eine kurzen Input zum Auftakt des Schul-Sportfestes morgen früh habe ich überlegt, etwas zum Thema „Wasser“ zu sagen. Keine Ahnung, wie ich da gestern bei 37° im Garten sitzend drauf gekommen bin. Ganz schnell war ich gedanklich bei der unterschiedlichen Verfügbarkeit von gutem Wasser auf unserem Planeten und damit auch bei dem fantastischen Projekt „viva con agua“ (ich hoffe doch sehr, Ihr seid dieser tollen Sache schon auf Festivals, in gut geführten Tagungsstätten oder an anderen Stellen begegnet).

https://www.instagram.com/p/BtJN1-4F8Om/
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Das terrestrische Manifest (4)

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Zuweilen werden Regierungen wie die gegenwärtige Administration der USA und ihre Handlungsweisen mit anderen Regierungen aus der Geschichte der letzten Jahrhunderte verglichen. Ein Vergleich ist aber schon deshalb schwierig, weil sich die Menschheit und jede unserer Gesellschaften in einer Lage befindet, für die es einfach keinen Präzedenzfall gibt. Noch nie musste sich eine Gesellschaft mit den Reaktionen des Systems Erde auf das Handeln von fast acht Milliarden Menschen befassen. Das ist eine neue Situation. Die Erde selbst ist zum politischen Akteur geworden.

Insofern drängt sich die neue Achse hin zum Terrestrischen, die im 90-Grad-Winkel zur Modernisierungs-Achse liegt, wie von selbst auf. Fragen der Ökologie sind insofern auch nicht einer bestimmten grünen Partei zuzuordnen, die sich wie die anderen Parteien auf der alten Achse irgendwo zwischen rechts und links einsortiert, sondern betreffen das Ganze. Sie sind nicht die Alternative zu sozialen Themen, Sicherheitsfragen oder Migrationspolitik. Als Politik der Erde bestimmen sie stattdessen die Gegenwart und Zukunft allen Lebens und des Planeten und damit auch die anderen genannten Themen.

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Das terrestrische Manifest (3)

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Die gesellschaftliche Landkarte erweitert sich. Das Modell Trump zeigt, dass politische Kategorien von „rechts“ und „links“ und einfaches Modell mit den Polen „lokal“ und „global“ weder die gegenwärtige Situation erklären können noch Erfolge mancher Personen und Positionen, die die meisten von uns noch vor zehn Jahren für sehr unwahrscheinlich gehalten hätten.

In all dem bildet sich aber ein weiterer Attraktor, der denjenigen von uns Hoffnung verleihen mag, die mit Profitmaximierung, Klimawandel-Leugnung und Bau von Grenzmauern nicht viel anfangen können. Er liegt sozusagen im rechten Winkel zum Modernisierungs-Vektor und versucht, das Beste aus den Ideen des Lokalen und des Globalen aufzunehmen. Wichtig ist ihm der positive Bezug zum Boden einerseits und der Weltbezug andererseits. Im besten Fall ermöglicht der Boden Bindung und die Welt Entbindung. Als Christ und Bibel-Leser habe ich mich an dieser Stelle an das ambivalente Verhältnis in biblischen Texten von uns Menschen zur Welt erinnert gefühlt: Wir sind als Menschen Teil der Welt/Schöpfung und zugleich auch noch auf etwas Größeres bezogen. „In der Welt, aber nicht von der Welt“, heißt es im Johannesevangelium bei Jesus. Hier lohnt es sich vielleicht noch einmal weiterzudenken.

Latour sucht nach einem Namen für diesen neuen Attraktor und landet schließlich vorerst beim „Terrestrischen“ (also sozusagen „das Irdische“ von lateinisch „terra“=Erde). Ein Grund für die Wahl dieses Begriffs ist auch, dass er das ungewöhnliche Alter dieses neuen Akteurs im politischen und gesellschaftlichen Feld betont. Des neuen Akteurs? Tatsächlich – im Weiteren wird die Erde selbst zu einem Akteur auf der politischen Spielfläche und das ist vielleicht der eigentliche Clou dieses Essays von Bruno Latour.

Wenn jetzt nämlich von Geo-Politik die Rede ist, dann bezeichnet dies nicht mehr nur den Rahmen oder den Ort des politischen Geschehens, sondern benennt einen neuen eigenständigen Wirkfaktor. Auf einmal betritt also ein neuer Akteur die Bühne, der selbst von nun an am öffentlichen Leben und an der Geschichte teilnimmt.

Und damit sind wir beim Kern des Geschehens angekommen, nämlich bei den Auswirkungen des weltweiten Klimawandels. Nicht erst seit dem letzten Sommer unverkennbar reagiert die Erde und ihre Atmosphäre auf ihre Bewohner und deren Modernisierungsstreben. Sie beschäftigt sich nun mit uns. Der Ausdruck „Ich gehöre (zu) einem Territorium“ hat sich gewandelt. Nun bezeichnet er auf einmal die Instanz, die den Eigentümer in Besitz hat! Das Terrestrische ist nicht mehr Rahmen und Raum menschlichen Handelns, sondern vielmehr Teil davon. Wir sind mitten in der Geogeschichte gelandet. War das 19. Jahrhundert das Zeitalter der sozialen Frage, so ist das 21. Jahrhundert das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage geworden.

(Dieser Artikel ist Teil einer Serie. Hier finden sich Teil 1 und Teil 2.)

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Das terrestrische Manifest (2)

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Weltbezogen und mit Bodenhaftung, offen gegenüber einer Vielzahl an Alternativen und zugleich respektvoll für Grund und Boden – wie kann das aussehen? Gesucht ist eine neue Bezugsgröße, die beides verbindet. Der Glaube an die Globalisierung ist gescheitert, ein vollständiger Rückzug aufs Lokale verbietet sich.

Aus Sicht mancher Globalisierungsbefürworter sind alle anderen (auch diejenigen, die die Folgen der Globalisierung kritisch sehen) hinterwäldlerische Provinzialisten, reaktionäre Nationalisten oder antimodernistische Zu-Kurz-Gekommene. Diese Zuschreibung ist aber nicht nur einseitig verurteilend, sondern wird selbst auf einer Landkarte mit dem einzigen Vektor „Modernisierung“ der Wirklichkeit nicht gerecht. Dies zeigt schon die zunehmend schwierige Zuordnung der Kategorien „links“ und „rechts“ im politischen Spektrum. Während sich die „Linke“ in ökonomischen Frage beispielsweise eher am Lokalen orientiert und im Hinblick auf die Befreiung der Sitten eher zum Globalen tendiert, ist dies bei der „Rechten“ genau umgekehrt. Die aufs Lokale Bezogenen sind also nicht automatisch reaktionär – oder aber sie sind aus guten Gründen insofern reaktionär, als dass sie sich u.a. gegen das freie Spiel der Kräfte des Marktes zur Wehr setzen.

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Das terrestrische Manifest (1)

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In den vergangenen Tagen habe ich mich mit dem kleinen Büchlein „Das terrestrische Manifest“ von Bruno Latour beschäftigt. Es ist ein schmales Buch, aber es hat es in sich. Zeitgleich mit einigen anderen habe ich es deshalb gelesen, weil es uns auch als Grundlage für das Con:Fusion 2019 dient, wo wir uns einige Tage mit dem Thema „Zeichen der Zeit. Prophetie, Spiritualität und das globale Schlamassel“ befassen wollen (hier ein Link zu einem Rückblick von mir auf dieselbe Veranstaltung vor fünf Jahren für diejenigen, die interessiert, was es damit auf sich hat).

In den folgenden Beiträgen möchte ich für mich und Euch zentrale Ideen dieses Buches einmal aufschreiben. Mir hilft es hoffentlich beim eigenen Verstehen und für Euch ist es ja vielleicht auch interessant. Dazu habe ich versucht, ein paar eigene Grafiken anzufertigen, um die neue Landkarte unserer Welt, die Latour mit Worten zeichnet, besser nachvollziehen zu können.

Der Essay ist nicht weniger als der Versuch, drei oft beschriebene Phänomene direkt aufeinander zu beziehen: Den Prozess der Globalisierung, die Explosion der weltweiten Ungleichheiten und den Klimawandel bzw. die Leugnung desselben. Das an sich ist schon ein ambitioniertes Vorhaben. Auch wenn die Frage des Klimawandels sich für Latour als die entscheidende Frage unserer Zeit herauskristallisieren wird, beginnen wir mit einem Blick auf die Globalisierung.

Während sich in der Vergangenheit mit diesem Schlagwort die Hoffnung auf Fortschrittlichkeit, Modernisierung und geteiltem Wohlstand verband, hat sich der Klang dieses Begriffs zunehmend zum Negativen verändert. Eigentlich beschreibt er zwei Phänomene, die laut Latour unterschieden werden sollten. Er nennt sie daher „Plus-Globalisierung“ und „Minus-Globalisierung“.